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Kunst und Gewalt: Das freedom theatre in Jenin

Jenin ist eine Stadt im Norden von Westbank und auch ein Flüchtlingslager, das seit 1953 Palästinenser aufnimmt, die aus ihren Gebieten vertrieben wurden. Sie hat traurige Berühmtheit erlangt: Als Hochburg palästinensischer Untergrundorganisationen gab es besonders viele Selbstmordattentäter. 42 % der Lagerbewohner sind unter fünfzehn Jahre alt, zumeist Nachkommen von Flüchtlingen des Krieges von 1948.

Juliano Mer Khamis war einer der inspirierendsten Künstler, ein furchtloser Aktivist im Befreiungskampf der Palästinenser gegen die israelische Okkupation. Juliano war Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Er gründete das freedom theater und bildete Jugendliche zu Schauspielern aus. Er stellte junge Frauen auf die Bühne, dafür wurde er von Teilen der Palästinenser als Frauenrechtler verehrt, von den Konservativen gehasst. Er war überzeugt davon, dass man nicht gegen die Okkupation kämpfen kann wenn man sich nicht für die Rechte der Frauen einsetzt. Er war mehr als ein Theaterpädagoge, er versuchte tiefste Wunden von Kindern zu heilen, die Opfer des Krieges geworden waren. 2011 wurde er vor seinem Theater erschossen. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt.

Ich hörte vom freedom theater im Vorfeld meiner Reise nach Israel. Dass ich es tatsächlich dorthin schaffte, war schon ein kleines Abenteuer. Ich besuchte vorher Ramallah und Nablus. Was ich dort erfuhr und erlebte war intensiv und nahm mehr Zeit in Anspruch als geplant. Von Nablus nahm ich den Bus und wollte dem freedom theater einen kurzen Besuch abstatten. Am selben Tag wollte ich über den nördlichen Grenzübergang Nazareth in Israel erreichen. Jedoch erfuhr ich bei meiner Ankunft in Jenin, dass der Grenzübergang nur zu bestimmten Zeiten offen ist, was meine Zeit in Jenin auf nur 2 Stunden beschränkte. Das Flüchtlingslager liegt einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Ich eilte die staubige Straße entlang und fragte im Flüchtlingslager mehrere Leute auf der Straße nach dem Theater. Hinweisschilder gibt es nur direkt vor dem Theater, das unscheinbar in einer Seitenstraße liegt. Vor dem Theater stoße ich an diesem Freitag auf Menschen, die sich in intensiver Vorbereitung auf eine Premiere befanden und die sich dennoch kurz mit mir unterhalten. Ich bemerkte sofort ein Misstrauen, das ich in andere Orten in Westbank nicht spürte. Der künstlerische Leiter ist anwesend und sagt dass er nur noch mit Leuten über das Theater spricht, die er länger kennt. Es wurde zuviel falsches geschrieben in den letzten Jahren. Marian, eine Theaterdesignerin aus England, die letzte Vorbereitungen für das Bühnenbild vornimmt, erzählt mir kurz wer sie ist und was sie macht. Dann komme ich mit einem Palästinenser ins Gespräch, der in Hamburg lebt. Er ist Journalist und langjähriger Unterstützer des Theaters. Es bleibt der Eindruck dass die Leute, die zum Theater gehören sich abschotten und keine Lust auf die Fragen von Fremden haben. Es steckt viel Verletztheit an diesem Ort. Ich wurde eingeladen zur Premiere wieder zu kommen, dies war allerdings aufgrund meines geplanten Rückflugs nach Deutschland nicht möglich.

Als ich wieder daheim war, half mir als Einstieg in das Thema der Film von Juliano Mer Khamis über seine Mutter mit dem Titel „Arna’s children“ von 2004, der viele berührende Szenen hat und den man in voller Länge bei Youtube anschauen kann. Die Mutter des Gründers des freedom theaters war Jüdin und mit einem Palästinenser verheiratet und leistete in Jenin viele Jahre lang eine großartige Arbeit, in dem sie mit Kindern und Jugendlichen des Flüchtlingslagers übers Theaterspielen Kontakt aufnahm und ihnen eine Zuflucht bot. Am beeindruckendsten finde ich die Szenen wenn Arna versucht die Wut der Jugendlichen zu provozieren und ihnen im Spiel ein Ventil gibt. Anfang 2000 wurden mehrmals Häuser im Lager bombardiert und die Kinder in dem Film sind völlig verstört. Diese Arbeit setzte ihr Sohn fort, in dem er Jugendliche zu Schauspielern ausbildete und 30 Produktionen auf die Beine stellte.

Ein halbes Jahre nach meiner Reise, im April 2014 besuchte ich eine Veranstaltung in der Schaubühne Berlin, in der die Dokumentation „Art Violence“ von 2013 gezeigt wurde, die die Jahre im Freedom Theater nach der Ermordung seines Gründers zeigen. Der Film stellt genauso wie Juliano die Frauen in den Mittelpunkt. Es ist ein Film über Kunst an einem unwirklichen Ort. Die Diskussion zwischen Thomas Ostermeier und Udi Aloni, einem der Regisseure des Films, zeigte auf, warum das freedom theater so wichtige Arbeit leistet. Das Ziel von Juliano war es, künstlerisch hochwertiges Theater zu zeigen, an einem Ort, an dem sonst nur der tägliche Überlebenskampf stattfindet. Kultur und Identität sind zerstört. Der Regisseur sagt: Es ist dunkel. Juliano brachte die Kunst an diesen Ort zurück.

Die Jugendlichen haben nach Julianos Tod weitergemacht. Seine Vorbildfunktion ist heute noch spürbar und in Gedenken an ihn erarbeiten sie neue Stücke. Am beeindruckendsten gelingt dies in „Warten auf Godot“, das nur wenige Wochen nach Julianos Tod entsteht. „Warten auf Godot“ bringt die Sinnlosigkeit der Existenz rüber. Die Hoffnungslosigkeit, die nach der Ermordung da ist. Es ist naheliegend zu denken, dass mit seinem Tod auch die Kunst eine Niederlage erlitten hat. Der Film zeigt aber grandios, wie viel Energie in den Menschen steckt, die mit Leidenschaft weitermachen, so dass der Prozess der Heilung fortgesetzt wird.

Udi Aloni sagt: „Wenn ein Mensch wie Juliano wegen seiner Kunst getötet wurde, dann bedeutet das, das Kunst etwas für die Welt bedeutet.“ Gewalt und Kunst ist ein weites Feld.

Es ist viel zu platt zu denken, dass man durch Kunst bzw Theater Gewalt verhindern kann. Der Film „Arna’s children“ folgt der Lebensspur von 5 Jungen und sie enden entweder als Selbstmordattentäter oder bewaffnete Kämpfer der al-Aqsa Terrorvereinigung.
Dadurch dass sich so viele Jugendliche in Jenin in die Luft gesprengt haben, war es möglich Geld für Projekte wie das freedom theater einzuwerben.

Was ist also das Ziel des freedom theater?, war eine Frage einer jungen Frau im Publikum der Schaubühne. Rechtfertigt die Unterdrückung Gewalt? Gewalt ist auch der Kunst innewohnend. So enthalten viele Kunstwerke explizit Gewaltdarstellungen.
Im jüngeren Film „Art Violence“ sieht man die Arbeit der Jugendlichen nach Julianos Tod.  In ihrer Version von Alice im Wunderland hat das Mädchen die Wahl. „Wohin gehst du?“ wird sie gefragt.

Mit ganzem Einsatz widmen sie sich ihrem Ziel: Aus der Wut der Unterdrückten und Schwachen wird an diesem Ort erstklassige Kunst.

logo-freedom-theatre-jenin

Kunst im Sinne von Sprache, Kultur und Glaube. Das Logo des freedom theaters zeigt eine Maske, Symbol des Theaters seit der Antike. Einbezogen sind die Farben der palästinensischen Flagge und typische Muster islamischer Kunst.


Das Flüchtlingslager von Jenin liegt im Norden des von Israel besetzten Westjordanlands. Mitten in diesem Gebiet befindet sich das von dem Friedensaktivisten Juliano Mer-Khamis gegründete „Freedom Theatre“. Im April 2011 wurde Mer-Khamis, Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, direkt vor seinem Theater ermordet. Dieses Verbrechen ist bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt worden. Der Film Art / Violence dokumentiert die Zeit nach der Ermordung des Gründers in einer Kollage aus den drei Theaterprojekten „Alice im Wunderland“, „Warten auf Godot“ und „Antigone“.

Reiseinformationen:

Anreise nach Jenin aus Israel ist am einfachsten von Afula. Von Afula zum Grenzübergang mit dem Sammeltaxi. Der Grenzübergang muss zu Fuß passiert werden. Hinter der Grenze ein weiteres Sammeltaxi nach Jenin. Die Fahrt dauert circa 15 Minuten.

In Jenin gibt es das Cinema Guest House, welches direkt beim Cinema Jenin liegt. Das Cinema Jenin ist ein weiteres interessantes Kulturprojekt, das Film-Festivals organisiert. Der Betreiber des Guesthouse Ayman Nasri  gibt gerne Auskünfte zur Kulturszene vor Ort.

Links:

http://www.thefreedomtheatre.org/

Bildquellen:

Beitragsfoto: Laura Rost

Foto 1: Logo des Freedom Theater

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Madrid und Barcelona

Wenn man mich fragt, welche der beiden Städte mir besser gefallen hat, dann fällt mir das wirklich schwer zu beantworten. Jeweils 5 Tage durchstreifte ich zusammen mit einer Freundin Madrid und Barcelona im Juni und entdeckte in den Gassen und Parks so viel Leben und Kultur, das mir nie auch nur eine Sekunde langweilig wurde. Im Gegensatz zu Berlin findet das Leben draussen statt und alles kommt mir noch bunter und lebendiger vor.

Madrid

Ich muss gleich dazu sagen dass ich Spanien mag seitdem ich im Sommer 2005 über die Dörfer in Richtung Santiago gepilgert bin. In den vielen Pausen bei Cafe con Leche und Tapas habe ich mich in die positive Stimmung der Leute, die Einfachheit und Schönheit verliebt.

Von Madrid hörte ich immer wieder Gutes. Vor vielen Jahren kam eine Kommilitonin nach 1 Jahr in Madrid ziemlich verändert zurück: der Einfluss der spanischen Mentalität, die Lockerheit machte sich positiv bemerkbar. Vor meinem inneren Auge sah ich sie tagelang durch die engen Gassen streifen, umgeben von den vielen fremden Eindrücken. Mit jedem Tag der spanischen Sprache mächtiger, konnte sie nach kurzer Zeit zarte Bande zu den Einwohnern knüpfen. Mir ist der schwarze Lederrücksack in Erinnerung geblieben, den sie mit zurückbrachte und den ich in den kommenden Jahren jeden Tag auf ihrem Rücken sah so dass sie die Verbindung zu diesem Lebensgefühl wohl nie verlor. Meine Schwägerin war ebenfalls vor ihrem Studium dort und kam fließend Spanisch sprechend und mit einer großen Leidenschaft für spanischsprachige Länder zurück.

Schon länger schwirrte mir die Stadt im Kopf herum, die altehrwürdige Diva Spaniens, die in vielen Büchern verewigt wurde, die voller Kunstgeschichte steckt. Ja, die Kunst war wieder einmal der Grund für meine Reise. Was wäre Madrid ohne den Prado, einen der wichtigsten Tempel der abendländischen Kunst überhaupt. Während der Schulzeit hatte ich die Abbildungen der Las Meninas und des Koloss von Goya bewundert und festgestellt wie viele wichtige Werke im Prado hängen. Angeblich kommen viele Touristen nur wegen dem Prado nach Madrid!

Ich hingegen fuhr nach Madrid wegen einem jungen Künstler. Er lief mir im Herbst letzten Jahres in Berlin über den Weg und ich entschied mich spontan in seiner Berliner Performance mitzuwirken. Nun möchte ich weder Francoise Gilot noch Dora Maar werden, dennoch kam mir der Anlass sehr gelegen ihn wieder zu sehen. Ich denke ein Mann der Kunst macht, hat viel Gefühl. Was sich in den bekannten Biografien der Frauen Picassos abzeichnet, musste ich dann auch erleben: Der Künstler hat sich ganz seiner Arbeit verschrieben und nimmt sich für eine Frau nur ausnahmsweise Zeit. Dank der vielen Abwechslung wurde mir jedoch auch alleine nie langweilig.

Madrid ist deutlich größer als Barcelona, das Zentrum ist dafür aber sehr überschaubar. Wir hatten uns über Hostelbookers ein privates Zimmer in der Calle Cruz gemietet. Die Calle Cruz ist nahe „Puerta del Sol“, einem der Hauptplätze der Innenstadt eine nächtliche Partymeile. Das Zimmer war sehr zentral, jedoch nach deutschem Standard ein dunkles, muffiges Loch bei dem sogar die Dusche kaputt war. Da ein schönes Hotelzimmer im Zentrum sehr teuer ist, würde ich daher über Airbnb eine private Wohnung mieten zB in Huertas und zwischen den hübschen Straßen mit den hohen Altbauten zwischen Prado und Retiro Park.

Zu den angenehmsten Seiten einer Städtereise zählen die Parks. Der Retiro Park ist für mich neben den Museen mein Lieblingsort in Madrid. Der Park ist sehr groß und ist mit einer großen Vielzahl an Pflanzen, alten Bäumen, Springbrunnen und Seen märchenhaft schön. Im Retiro kann man entspannen und in das volle Leben eintauchen. Ich habe den Park mehrmals besucht, an einem Samstag die vielen Straßenkünstler, Clowns und Musiker beobachtet oder nach einem Tag voller Eindrücke die Ruhe unter einem schattigen Baum genossen. Der Park wird auch intensiv zum Sport genutzt und an einem Morgen Yoga mit der wunderbaren Eliza aus den Niederlanden und ihren Freunden gemacht.

Den Prado sollte man besuchen, auch wenn das Gebäude Ehrfurcht ausstrahlt. Er ist einfach wahnsinnig groß und ich empfehle mehrere kurze Besuche! Jeden Abend gibt es zwischen 6 und 8 Uhr Freitickets und in 2 Stunden kann man sich einen einzelnen Bereich vornehmen. Als erstes laufe ich zu den Spaniern Goya und Velazques und lasse mich von ihren Porträts in die ferne Zeit der Könige entführen.

Das berühmte Gemälde Guernica von Picasso hängt im interessantesten Museum in Madrid: das Museo Reina Sofia ist ein staatliches Museum und wurde von Königin Sofia gestiftet. Es ist quasi das zeitgenössische Pendant zum Prado. Es ist sehr groß und ich konnte bei einem Besuch gar nicht alle vier Etagen besuchen. Langweilig wird es dank der thematischen Hängung der Kunstwerke nie, man findet hier alle wichtigen Vertreter wieder. Das Highlight ist die Abteilung zum spanischen Bürgerkrieg mit Guernica im Zentrum. Das Thema Krieg in der Kunst ist aktuell wie nie (Link) und die Ausstellung schafft es einen Bogen zu aktuellen Diskussionen zu spannen.

Nach den ersten Tagen sollte man die klassischen touristischen Highlights hinter sich lassen. Spezieller wird das Leben in den Nachbarschaften von Malasana, Rastro und Lavapies. Malasana (Metro-Station: Tribunal) ist eine studentische Gegend mit vielen Bars und interessanten kleinen Läden. Hier wohnen viele Studenten und sorgen für ein buntes Leben und es gibt wunderschöne kleine Plätze zwischen hübsch sanierten Häusern auf denen man Cafe trinken kann. Lavapies ist ein ein wenig heruntergekommenes Künstlerviertel, hier ist fast jedes der alten Häuser mit buntem Graffiti verschönert und hier lässt es sich wunderbar fotografieren: ZB lebensgroße Barbiepuppen mit pinken Haaren, die vom Balkon herunter winken. Klar, dass sich hier auch Nachts interessante Gestalten in den kleinen Kneipen herumtreiben und sich ihren Absinth genehmigen 😉 Tanzen kann man hier auch , zB im alternativen „Juglar“ in der Calle Lavapies nahe dem Plaza Lavapies zappelt die Jugend bis in die frühen Morgenstunden zu angesagtem Techno. Da es solche Clubs zu Hauf in Berlin gibt, haben mir die Kulturzentren wie das Tabacalera besser gefallen, das tagsüber Ausstellungen und am Abend Shows und Konzerte bietet. Im kleinen Sala Triangulo, einem ehemaligen Kino, habe ich eine kubanische Band spielen hören und bin mit viele Einheimischen in Kontakt gekommen. Rastro liegt direkt neben Lavapies und auch hier gibt es in den vielen kleinen Seitenstraßen sehr viel zu entdecken- einfach losziehen mit gutem Schuhwerk.

Barcelona

Nach Madrid ging es nun also nach Barcelona. Beide Städte sind wirklich schwer zu vergleichen. Barcelona ist jung und „in“ und steckt voller Kunstschätze, allen voran die Gaudi-Architektur. Hier gibt es unzählige Museen wie das Picasso Museum und das Miro Museum, das inmitten einem tropischen Park am Berg Monhuic liegt. Daneben ist Barcelona eine Stadt am Meer und vereint damit alle Annehmlichkeiten die ein Stadtstrand mit sich bringt. Im Abendlicht habe ich hier die vielleicht besten Beach Volleyball Spieler der Welt gesehen. Und Abends verwandelt sich der Strand bei Barceloneta, eine Halbinsel und gleichnamiges Stadtviertel, mit den vielen Clubs in die Ausgehmeile.

Raval und Gracia sind die schönsten Nachbarschaftviertel mit vielen Lebensmittel- und Kunstmärkten. Auch in Barcelona ist ein Park mein persönliches Highlight: der Citadelle Park, in dem sich jeden Abend Acroyoginis, Afrikanische Musiker und Tänzer einfinden und den Tag feiern und eine einzigartige Atmosphäre zaubern.

Highlights Madrid und Barcelona:

  • Sich auf dem Buchflohmarkt zurück in die 80er versetzen lassen. Ja manchmal kam ich mir in Spanien schon ein wenig in der Zeit zurückversetzt vor, zB auf dem Buchflohmarkt vor dem Retiropark in Madrid, wo ältere Herren ihre Buchschätze anbieten. Ich finde dass es in Spanien sehr schön gestaltete Bücher für Kinder gibt und habe mir ein Theaterstück für Kinder auf diesem Flohmarkt gekauft.
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Auf der Suche nach dem besten Knafeh in Nablus

Das erste Mal ist mir Knafeh in Betlehem begegnet. Mein Gastgeber Peter hatte den Knafeh zum Kilopreis in einem Laden gekauft und ich aß ihn genüßlich am Küchentisch vom Pappteller. Der halbzerlaufene Käse unten und oben drauf eine Mischung aus Mandeln, Nüssen, Zuckersirup, Zimt und Nelken ist eine arabische Spezialität. Der Käse macht die Mahlzeit ziemlich füllend und mehr als das halbe Kilo konnte ich beim besten Willen nicht essen. Danach bekomme ich immer einen Zuckerschock, so dass ich im Anschluss an Knafeh stets noch etwas Saures wie ein Falafelsandwich essen muss.

Die zuckersüße Mahlzeit, die auch im Balkan und der Türkei bekannt ist, ist im Westjordanland, genauer in Nablus, erfunden wurde. Und wie das Glück so will machte ich mit meinem Gastgeber Noor genau in diese Stadt einen Tagesausflug. In den engen Gassen der Altstadt suchten wir nach dem frischesten Knafeh, und Noor und seine zwei Freunde entwickelten einen wahren Ehrgeiz den allerbesten der Stadt für mich zu finden…

Auf der Suche nach Knafeh in Nablus

Wir laufen durch die engen Gassen der Altstadt mit ihrem sehr lebendigen Straßenleben. Das bunte Treiben aus Basaren und vielen Passanten bin ich schon aus Betlehem gewohnt, dennoch ist das „Durcheinander“ immer wieder aufs neue faszinierend. Und anders als in andere arabischen Städten fühlte ich mich im Westjordanland nie von Händlern bedrängt etwas zu kaufen, sondern habe die Menschen als sehr freundlich erlebt. Nablus ist ein wirtschaftliches Zentrum im nördlichen Westbank und auf den Plätzen und in den engen Gassen reiht sich ein Laden an den anderen. Die Sooq ist ein typischer bunter Gemüse- und Obstmarkt im Zentrum der Stadt. Ich probiere frischgepressten Saft aus 5 verschiedenen Früchten, der an einem der vielen Stände angeboten wird.

Nachdem sich ein Freund von Noor in einem Jeansladen eingedeckt hat, biegen wir schließlich in eine noch kleinere Sackgasse ein und erreichen einen Laden, vor dem ein älterer Mann mit Schnauzbart und Schürze von riesigen runden Silberblechen gerade die letzten Knafehstücke auf Teller verteilt. Von hinten kommt ein junger Mann der schon das nächste Blech frisch aus dem Ofen nachliefert. Schnell bildet sich eine kleine Schlange von Menschen und auch dieses Blech ist in ein paar Minuten abgeräumt. Wir setzen uns an einen der kleinen Plastiktische und bald kommen auch schon die Teller mit dem süßlich duftenden Käsegebäck, das wir mit einem Glas Schwarztee verputzen.

Wartende vor dem Knafeh Stand

Später am Tag nehmen wir ein Taxi und lassen uns auf den Berg Garizim fahren, von dem man einen tollen Ausblick auf die Stadt hat. Im Volksmund heißt der Park mit Aussichtsplätzen auch Sky of Nablus. Bald verschwindet die Sonne als ein glühender roter Ball hinter dem Häusermeer. Neben der Altstadt hat Nablus auch einen neuen Teil und ist auf 100.000 Einwohner gewachsen.

Kulinarisch hat das Westjordanland einige Besonderheiten zu bieten und ich fand das Essen hier sogar bekömmlicher als in Israel. Was man  unbedingt noch probieren sollte ist Zaterbrot zum Frühstück, das ist Fladenbrot mit einer dicken Schickt Tymian und Olivenöl bedeckt (Zater ist Tymian).

Maklube ist ein Reisgericht

Reiseinfos:

Die Reise nach Nablus führt von Jerusalem zunächst nach Ramallah, von wo Busse und Sammeltaxis nach Nablus fahren. Aufgrund schlechter Straßenverhältnisse sollte man mehrere Stunden einplanen.

In Nablus kann man in mehreren Gästehäusern, auch Hostels, übernachten.

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eine Stadt, die eigentlich viele Städte ist

Was erwartet einen Traveller in Jerusalem, das möchte ich hier mal in Form einiger Fakten unn perönlicher Erlebnisse wiedergeben. Ein paar Tage, wie ich sie hatte reichen gerade aus, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.

Der Kampf um die Stadt

19 Jahre lang war Jerusalem eine geteilte Stadt wie Berlin. Sowohl die Israelis als auch die Palästinenser bezeichnen Jerusalem als ihre Hauptstadt. Der neue Staat Israel bezeichnet Jerusalem als Hauptstadt. Weil der Status Jerusalems nach wie vor strittig ist, haben die meisten Staaten ihre Botschaften in Tel Aviv belassen. Seit den Selbstmordattentaten der Zweiten Intifada wurden Sperranlagen errichtet, die die Stadt gegenüber dem Westjordanland abriegeln. Friedenspläne schlagen eine Teilung der Stadt vor, bei der jüdische Stadtteile zu Israel und arabische zu Palästina fallen. Keine Einigkeit besteht hinsichtlich der Altstadt, vor allem in Bezug auf den Tempelberg, der Juden und Moslems heilig ist.

Kulturelles Wirrwarr

Jerusalem ist nicht nur eine Stadt, es sind viele Städte, miteinander verworben und verschachtelt, eine Vielzahl unterschiedlicher Stadtviertel, jedes mit seiner eigenen Sprache: Griechisch, Armenisch, Arabisch, Hebräisch, Syrisch, Äthiopisch, Lateinisch, Russisch, Yiddisch, Türkisch, Französisch und natürlich Englisch und Deutsch.

Ich muss zugeben, dass mich dieser kulturelle Wirrwarr manchmal etwas schwindelig gemacht hat. Es gibt aber zum Glück Parkanlagen, auf deren Rasen man sich bei Erschöpfungserscheinungen fallen lassen kann, zum Beispiel direkt vor dem Damaskus Tor.

Über Jerusalem liegt die Last des kulturellen Erbes. An jeder Ecke gibt es ein Heiligtum zu bestaunen, eines bedeutsamer wie das andere. Das lockt natürlich Scharen von Touristen und noch mehr Straßenhändler und Tourguides an, die daraus ein Geschäft machen.

Erste Eindrücke

Einen Eindruck von den vielen Siedlungen bekomme ich als ich mit dem Bus von Tel Aviv ankomme. Schwer vorzustellen, dass dieser unübersichtliche Flickenteppich auf den vielen Hügeln die berühmte, heilige Stadt bildet. In den kommenden Tagen werde ich mich auf einer winzigen Fläche bewegen, zumeist in der nur 1 km² großen Altstadt.

Ich komme am zentralen Busbahnhof an und trete auf den Vorplatz, hier ist allerhand los und es dauert einen Moment bis ich den modernen Zug entdeckte, der Richtung Altstadt fährt.

Der Zug durchquert zunächst die Neustadt: Sie erinnert an eine Einkaufsmeile im europäischen Stil mit Cafes und Läden. Hier liegt auch, etwas versteckt über eine Seitenstraße zu erreichen, der Mahane Yehuda Markt, ein riesiger Lebensmittelmarkt auf dem Gewürze, Gemüse und Gebäck feilgeboten werden. Ich steige am Rathaus aus und laufe zum Jaffe Gate, das ist eines der sieben Eintrittstore in eine faszinierende Welt der Kulturen und Religionen.

Die Altstadt von Jerusalem ist von einer imposanten Stadtmauer umgeben, die von den Osmanen Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut wurde und heute kann man sie durch 7 Tore betreten. Dazwischen liegt ein faszinierendes Labyrinth an engen Gassen, in dem man sich einmal verlaufen nur schwer wieder herausfindet.

Mein Tag in Jerusalem beginnt stets früh:

Von meiner privaten Unterkunft am Herzl Berg steige ich in den supermodernen Light Rail, der die Stadt von West nach Ost durchquert. Ich steige am Rathaus aus und laufe von dort den kurzen Fußweg zum Jaffa Tor. Auf dem großen Platz vor dem Tor ist allerhand los: Eine Gruppe aus Nigeria in auffälliger Robe hält eine Art Zeremonie mit Sprechgesang ab. Zwischen die auffällige Gruppe mischen sich aber auch andere Menschen und es entstehen Gespräche. Die Aufregung, die der Besuch von Jerusalem und seinen Heiligtümern mit sich bringt, ist allen Menschen anzumerken.

Direkt vor dem Tor entdecke ich die Sandemanns Free Tour, eine kostenlose Stadtführung, die täglich um 12 Uhr von Geschichtsstudenten angeboten wird, und schließe mich kurzerhand an. Ich erfahre dass hinter dem Jaffa Tor das armenische Viertel liegt. Armenier waren lange Zeit eine sehr große Bevölkerungsgruppe Jerusalems und erhielten daher ein eigenes Viertel. Die Altstadt besteht aus 4 Vierteln, einem armenischen, jüdischen, muslimischen und christlichen. Die Bezeichnungen der einzelnen Viertel stammt aus einer Zeit, als die verschiedenen Gruppen streng voneinander getrennt lebten.

Heute lebt aber die Altstadt von der einzigartigen Vermischung ihrer Bevölkerungsteile und damit auch der Religionen und Kulturen. Dies wird deutlich in den stillen Gassen des armenischen Viertels genauso wie in dem von Händlern und Menschen überlaufenen muslimischen Viertel. Wer denkt die Altstadt ist ein Museum der Kulturen der täuscht sich, denn sie ist noch immer so dicht bewohnt wie früher. Im armenischen Viertel sind die Häuser und Türen niedrig und die Fenster oft nur kleine Gucklöcher. Kaum vorstellbar dass dahinter auch heute ganze Familien wohnen. Das armenische Viertel ist am wenigsten touristisch.

Kurz vor dem Klagemauerplatz, der im jüdischen Viertel liegt, verliere ich die Gruppe und betrete den Platz nach Passieren der Sicherheitskontrollen. Die Klagemauer war die Stützmauer des äußeren Teils des Zweiten Tempels und wurde bereits in der Osmanenzeit ein Pilgerziel. Frauen und Männer haben getrennten Zugang zur Mauer, es bilden sich Gruppen, die gemeinsam tanzen und singen. Die Musiker sitzen aber auf der Seite der Männer und die Frauen steigen auf Stühle um von dem Spektakel etwas mitzubekommen. Klagen und feiern gehen hier eine ganz eigenartige, ansteckende Mischung ein, so sehe ich eine Frau, die mit ihrer kleinen Tochter tanzt.

Am Morgen des zweiten Tags laufe ich früh los und reihe mich ein in die Wartenden zum Einlass auf den Tempelberg.

Ich habe Glück, denn Alleinreisende können sich vordrängen und müssen nicht mit den Reisegruppen warten. So bin ich einer der ersten Touristen, die den Platz betreten. Zunächst ein unerwartetes Bild: Männergruppen sitzen unter schattenspendenden Bäumen und lesen aus dem Koran. Auch vereinzelte Frauen sind hier in ihr Buch vertieft oder unterhalten sich. Ich laufe weiter und entdecke die goldene Kuppel der Al-Aksa Moschee in der gleisenden Sonne. Zur Moschee führen Stufen hinauf, auf dem Plateau ist es jetzt noch ruhig. Nur eine Frau schrubbt den Boden vor dem Eingang der Moschee. Später kommen weitere Reinigungskräfte und schrubben den Vorplatz während Touristen Fotos machen und Schulklassen Referate halten. Jerusalem ist weit entfernt eine Museumsstadt zu sein, sondern sie ist unheimlich lebendig.

Als ich wieder von dem Plateau herabsteige und weiter in den hinteren Teil des Platzes laufe, kommt ein Mann auf mich zugestürzt. Er fragt erst freundlich woher ich komme und macht mich dann darauf aufmerksam, dass mein T-Shirt keine adäquate Bekleidung darstellt und ich ziehe schnell meine schwarze Jacke drüber, die eigentlich zu warm ist für die Temperaturen. Er führt mich zu der imposanten Mauer, die den Platz umgibt und will mir etwas zeigen. Die Mauer hat kleine Ausblicke auf die umliegenden Hügel. Nach einer Weile verstehe ich, dass er mir zeigen will, wo es noch schöne Kirchen gibt. Das christliche Jerusalem reicht von der Grabeskirche, die nur ein paar hundert Meter vom Tempelberg entfernt liegt bis auf den Ölberg hinauf und in die byzantinischen Klöster, die überall auf den Bergen rund um die Stadt verteilt sind. Ich hoffe er denkt nicht, dass ich mich auf dem Tempelberg verirrt habe, aber ich habe das Gefühl, dass sein Leben danach wieder in Ordnung ist. Er geht zurück zu seinem Olivenbaum und setzt die Ernte fort, indem er kräftig am Baum rüttelt. Für viele Menschen ist der Platz wie ein Zuhause. Der Tempelberg ist nicht nur eine religiöse Stätte sondern ein Ort wo Menschen ihren Tag verbringen, mit allen Beschäftigungen, die dazu gehören. Es ist wie der öffentliche Platz einer Stadt, wo das Leben stattfindet. Dies unterscheidet sich doch sehr von heiligen Stätten im christlichen Europa, wenn ich beispielsweise an den Petersplatz in Rom denke.

Alle haben einen exklusiven Besitzanspruch an die Stadt.

Christen in der heiligen Stadt

Wie ist es als christlich Erzogene die Grabeskirche und die Via Dolorosa, die letzten Stationen Jesu Christi zu besuchen? Einen hatnah Erlebnis-Bericht habe ich hier gefunden. Ich merke dass ich in der Kirche mit dem Grab doch Gänsehaut bekomme, was mich an keinem anderen Ort der Stadt heimgesucht hat. Hier trauern und hoffen so unendlich viele Menschen, das es ergreifend ist. Mir wird fast schwindelig als ich den Kopf in den Nacken lege, um das riesige Mosaik mit dem Abbild Jesu in der zentralen Kuppel zu erfassen. Es ist aber auch einfach interessant Menschen zu beobachten, in deren Haltung sich Ergriffenheit und Erschöpfung die Waage hält.

So richtig schön erscheint die Stadt von oben nicht 

Ein Meer aus typischen arabischen weiß-grauen Häusern, nur die goldene Kuppel des Felsendoms ragt heraus. Zwischen Hausdächern erblickt man die Spitzen der verschiedenen Gotteshäuser: den Zionsstern, neben dem Kreuz und nicht weit entfernt der Mond auf der Spitze des Felsendoms.

Die Menschen wohnen in dieser Stadt, das merkt man zum Beispiel wenn man auf den Dächern der Stadt spazieren geht. Hier oben sind Fahrräder geparkt und Kinder spielen nach der Schulzeit. Man kann Blicke in Wohnungen und Gebetshäuser erhaschen. Ich denke mir, dass die Menschen sehr geduldig sein müssen, wenn sie ihren Lebensraum mit so vielen Touristen teilen müssen.

Was macht die Faszination dieser Stadt aus?

Ganz sicher das Aufeinandertreffen der Kulturen und Religionen. Wer durch die engen Gassen der Altstadt läuft der kann sich der Faszination, die dieses Gewusel erzeugt nicht entziehen: Juden, Moslems, Christen leben hier auf engstem Raum und dies nicht etwa in streng getrennten Vierteln sondern die Grenzen verwischen hier auf erstaunliche Weise und haben bei mir den Eindruck erzeugt, dass die Religionen friedlich zusammen leben.

Als Besucher taucht man ein in den Alltag der Bewohner: gerade ist Schulschluss in einer Koranschule am Ende der Via Dolorosa. Die Straße verläuft ein ganzes Stück durchs muslimische Viertel. Touristen auf dem Weg zur Grabeskirche schießen eifrig Fotos von den kleinen muslimischen Mädchen mit ihren Kopftüchern. Ein Mädchen reist es sich vom Kopf, ihr ist warm und nach der Schule muss sie es eh nicht mehr tragen.

Die Souvenierhändler haben sich auf Besucher aller Religionen eingestellt und verkaufen christliche Devotionalien, Schleier für muslimische Frauen, Halsketten mit dem Auge der Fathima liegt neben Schmuck mit jüdischen Symbolen.

Meine Tipps für Jerusualem Reisende

Einer meiner Lieblingsorte ist das österreichische Hospiz an der Via Dolorosa. Hier kann man dank der zentralen Lage eine Pause einlegen. Eine wunderbar entspannte Atmosphäre, selbst im Cafe muss man nichts bestellen und geniesst den wunderschönen Garten und die Ruhe. Luxustoiletten, Arbeitstische, ein wunderschöner Garten – auch für Nichtgäste, alles umsonst, eben echte Gastfreundschaft. Hinter der Cafebar nimmt die Schwester die Bestellungen für Cappuchino entgegen. Dass überall Österreichisch gesprochen wird, verschmerzt man dann gerne 😉 Vorsicht: das Gebäude steht nicht offen, sondern man muss an der mächtigen Tür klingeln.

Menschen mit Faible für religiöse Streetfotografie kommen in Jerusalem auf ihre Kosten. Ich habe meine Leidenschaft auf meiner Israel-Reise entdeckt. Egal ob in Gotteshäusern oder auf der Straße, es gibt faszinierende Motive!

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Tel Aviv II: 24 Stunden Kultur

Museum und Theaterbesuch gehören für mich zum Erleben einer neuen Stadt genauso dazu wie Märkte, Straßenkunst und natürlich das typische Essen! Hier schreibe ich was ich in vier Tagen Tel Aviv entdeckt habe.

Eine grüne Stadt aus der Hand von Städteplanern

Mein neues Zuhause liegt nahe dem Dizengoff Square. Da ich sehr oft an dem Platz das Sherrut (Sammeltaxi) nehme, beginne ich mich eines Abends für die Geschichte des Platzes zu interessieren. In einem Eckhaus des Platzes, erbaut im Bauhaus Stil, in dem sich heute das Cinema Hotel befindet, sind im Schaufenster Bilder des Platzes aus den Siebzigern ausgestellt. Meir Dizengoff war ein Geschäftsmann und Politiker, der den Plan einer neuen jüdischen Stadt 1906 in Angriff nahm, da die Lebensbedingungen in der Jaffa immer schlechter wurden. Sein Traum war eine grüne Stadt, wie er sie in England gesehen hatte. Dizengoff realisierte den Bau der Stadt mit Hilfe von bekannten Städteplanern aus Israel und lob sogar einen Wettbewerb aus. So wie der Dizengoff Square mit Springbrunnen und Gartenanlagen, so sollte die gesamte Stadt nach dem Vorbild englischer Gartenstädte gebaut werden. Aufgrund mehrerer großer Wellen der Zuwanderung,  vor allem in den 30er Jahren aus Europa, geriet die Städteplanung aber schnell außer Kontrolle. Im Vergleich zu Berlin ist Tel Aviv aber auch heute noch übersichtlich und zählt 400.000 Einwohner im engeren Stadtgebie. Die Metropolregion ist aber deutlich höher besiedelt und fast jeder, den man in Israel fragt kommt aus einem Ort zwischen 20 und 40 Minuten von Tel Aviv entfernt. Nun in Berlin würde man sich dann noch als Berliner bezeichnen.

Heute ist der Platz leider bei weitem nicht mehr so schön wie früher: um den Verkehr des Dizengoff Boulevards, einer der Hauptachsen der Stadt, zu beschleunigen, wurde der Platz auf ein hässliches Betonplateau über der Straße verlegt und die schönen Springbrunnen sind verschwunden.

Die weiße Stadt

Aus Deutschland geflüchtete, jüdische Architekten brachten in den 30er Jahren den Bauhaus-Stil nach Tel Aviv. Heute kann man die Weiße Stadt am Rotschild Boulevar „besichtigen“. Auf dem Weg zum Rotschild Boulevard komme ich durch die Sheinken Straße, die schicken Boutiquen könnten jedoch auch in Berlin oder München sein und die Preise sind ähnlich hoch.

Typisch für den Bauhaus Stil sind die abgrundeten Ecken zum Beispiel Balkone, horizontale Linien und der Verzicht auf Verzierungen jeder Art. Die Ideen der Bauhausschule fanden über deutsch-jüdische Architekten, die vor den Nazis flohen, ihren Weg nach Palästina. Leider sind heute viele Bauten renovierungsbedürftig und so finde ich entlang des Rotschild Boulvars nur wenige renoviere Bauten, die eines näheren Blicks würdig sind. Zu den besseren Beispielen sollen laut Lonely Planet das auf meinem täglichen Weg befindliche Cinema Hotel am Dizengoff Square zählen. Dort befindet sich auch das Bauhaus-Zentrum, das Führungen anbietet.

In den stillen Gassen des Jemenitischen Viertels

Auf der Suche nach den typischen Falafel- und Hummusständen zieht es mich auf den Karmel-Markt. Zunächst sind hier nur Händler mit Billigkleidung zu finden, im hinteren Teil dann endlich ein Falafel-Stand. Für ca. 1,50 Euro schmeckt der Snack akzeptabel, für gute Falafel sollte man aber in eine Bar oder ein Restaurant gehen. Die Gewürzstände und Trockenobst ist noch das interessanteste am Markt, ansonsten habe ich schon deutlich schönere Märkte gesehen. Das Leben in den Seitenstraßen fasziniert mich deutlich mehr. Hier entdecke ich die ersten Grafitis, die später noch viel größer im Florentiner Viertel zu finden sind.  Ich befinde mich im Jemenitischen Viertel, wo die Zeit stehengeblieben scheint: außer streunenden Katzen ist es hier ganz still, es handelt sich um niedrige Häuser, die teils verfallen sind und um üppig bewachsene kleine Gärten. Eine Oase der Ruhe inmitten der hektischen Stadt.

Auf dem Weg zurück in Zentrum entdecke ich an Wänden großflächige Grafitis. Wirklich erstaunen tut mich der Anblick nicht, denn Berlin ist die Stadt der Grafitis schlechthin. In Seitenstraßen des Florentinerviertels handelt es sich um baufällige Gebäude, bei einigen scheint es sich um Lagerhallen zu handeln, wo hin und wieder auch Leute rauskommen. Teils ist das Fotografieren nicht so leicht, da Leute bei der Arbeit gestört werden. Wie ich im Lonely Planet erfahre sind in Tel Aviv einige der Künstler durchaus anerkannt und dürfen sogar in Museen ihre Werke ausstellen, wie zum Beispiel Know Hope.

Das Tel Aviv Museum of Art

Am Ende des Tages besuche ich noch das Tel Aviv Museum of Art um mir Exemplare der noch jungen israelischen Kunstgeschichte anzusehen. Der spektakuläre Bau, ganz im weiß und mit scharfen Formen, die in ihrer futuristischen Gestaltung an Guggenheim erinnern, ist noch das interessanteste des Museums, ich werde später eine bessere Präsentation im Israel Museums in Jerusalem sehen.

Das Museum ist übersichtich gegliedert und beinhaltet  auf 3 Etagen mehrere Flügel: graphische Kunst (hier nicht nur jüdische Künstler sondern bespielsweise auch Schiele), Photographie, Positionen moderner jüdischer Kunst und einen sehr großen Saal, der die Entwicklung der israelischen Kunst von circa Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 60er Jahre nachzeichnet.

Die moderne Abteilung hat mir nicht so gut gefallen, da es keine Bezüge zum Land oder der Kultur gibt. Die Arbeiten der Künstler zeigen Spiele mit geometrischen Formen oder der Illusion.

Eine Videoarbeit mit Bezug zu Tel Aviv ist mir in Erinnerung geblieben: Wir sehen einen Gärtner bei der Olivenernte, der mit viel Liebe für seine Bäume sorgt. Für den Betrachter entsteht der Eindruck einer ländlichen Szene eventuell in einem Kibbutz. Dann geht die Kamera in die Volle und wir sehen dass der Gärtner auf einem Platz in Tel Aviv einen einsamen Baum, der in einem kleinen Trog  wächst versorgt. Vorstellungen vom Leben in Israel treffen hier auf die Wirklichkeit bzw. das Leben, das sich heute für junge Menschen in der Stadt abspielt hat nur noch wenig mit dem traditionellen Leben zu tun.

Sehr interessante aber sehr klein ist die Photographische Präsentation. Hier sehe ich eine Ausstellung eines Photographen, der seine Bilder während dem Krieg um Unabhängigkeit gemacht hat. Die Aufnahmen nehmen einen sehr Nahe mit ins Geschehen und zeigen den Kriegsalltag der Soldaten eindrucksvoll.

Am besten hat mir der Überblick über die Entwicklung der Kunst der ersten sechzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gefallen: von religiös anmutender Kunst, die teils noch flächig bzw. die an Wandteppiche erinnert, gestaltet ist, bis hin zu den modernen Strömungen des zwanzigsten Jahrhundert, wie Expressionismus, Kubismus und Surrealismus unterlagen israelische Künstler den gleichen Einflüssen wie alle europäischen Künstler.

Humusmahl im Florentiner Viertel

Von dem vielen Laufen des Tages gönne ich mir ein Taxi, welches im übrigen als Fortbewegungsmittel sehr erschwinglich ist, und fahre zum Florentiner Viertel. Dort angekommen knurrt mein Magen und ich laufe durch die Straßen auf der Suche nach günstigem Essen. Gerade die Preise für Lebensmittel sind in Israel höher als in Deutschland. Der junge Mann eines Veganen Restaurants unterhält sich gerne mit mir, da das Restaurant aber leer ist und er extra für mich die Küche anschmeisen müsste, esse ich dann lieber woanders.  Abends sei hier mehr los, meint er. Er beteuert mehrmals, das es bei ihm nur veganes gibt und fragt ob ich es schonmal probiert hätte. Ich kläre ihn aber auf dass mir veganes Essen durchaus vertraut ist. Berlin da würde er gerne mal hin, dort soll es so viele vegane Restaurants geben, in Tel Aviv haben erst eine handvoll aufgemacht, schätzt er. Es ist so wie mit vielen Dingen in Israel, wie mir später immer wieder klar werden wird: was bei uns schon längst etabliert ist, ist in Israel gerade am Start.

Ich entscheide mich dann in einer typischen Hummusbar mitten im Florentinerviertel zu essen, die von Einheimischen gut besucht ist. Der Kellner spricht Englisch und serviert mir ein typisches Hummusmahl: ein tiefer Teller mit Hummusbrei, einen Teller mit kalter Linsensuppe, die man mit dem Hummus mischt,  israelischer Salat aus kleingewürfelten Tomaten, Gurken und Avocado, und einen „Beilagenteller“ mit eingelegten Gurken und Pepperoni und einer geviertelten Zwiebel.

Für einen kurzen Stopp zwischen dem Besichtungsprogramm gibt es iin Tel Aviv die typischen Saftbars an jeder Straßenecke. Jedoch lohnt sich die Qualität zu beachten, für einen guten Mixsaft zahlt man dann gerne mal 5-6 Euro.

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Tel Aviv I: meine liebsten Aktivitäten

Was macht man, wenn man 4 Tage in einer der aufregendsten Städte verbringt? Was für eine Frage, natürlich 24 Stunden am Tag ausnutzen für Spaß und Action… Für mich stand zwar auch etwas Kultur auf dem Programm, aber die lange Strandpromenade mit einem Bike zu erkunden und Street Photography kann ich nur empfehlen! In diesem Beitrag nehme ich euch mit zu den beliebtesten Aktivitäten in Tel Aviv.

Eine Stadt und ein endloser Strand

Nach einer langen Nacht im Flieger empfängt mich die Großstadt Tel Aviv am Morgen mit strahlendem Sonnenschein, ich blinzele von meinem Balkon an der belebten Hajarkon St in die gleisende Morgensonne. Ja, Israel wartet auch im November noch mit heissen Temperaturen und Sonnenscheingarantie auf. Die Hayarkon Straße verläuft parallel zur Strandpromenade, die von Wolkenkratzern und Luxushotels gesäumt ist – das Image Tel Avivs – und genau dort zieht es mich als erstes hin.

Das Leben in der Stadt findet eindeutig am Strand statt, der auch unter der Woche gut mit Menschen gefüllt ist. Nicht nur Touristen, auch Einheimische nehmen bei den ganzjährig angenehmen Mittelmeertemperaturen ein Bad. Im Grunde ist der Strand aber sozialer Mittelpunkt, hier treffen sich Jugendliche und Traveller, spielen Beachvolleyball oder geniessen einfach das Nichtstun. Die beste Möglichkeit die mehrere Kilometer lange Strandpromenade zwischen der Stadt Jaffa mit seiner alten Befestigungsanlage im Süden und dem alten Hafen im Norden zu erkunden, sind die grünen City Bikes. Selbst Einheimische nutzen das einfache System, um in der meist flachen Stadt herumzukommen und vom Verkehr unabhängig zu sein. Ich miete mein Rad mit der Kreditkarte an einer vielen Verleihstationen in der Nähe meiner Unterkunft und finde entlang der Strandpromenade etwa alle 500 Meter eine Station, bei längeren Pausen gebe ich das Rad zurück, so kostet mich der ganze Spaß nur ein paar Euro pro Tag.

Die schönsten Strecken für Radfahrer

Eine schöne Strecke bei Sonnenuntergang ist von Jaffa im Süden zurück ins Zentrum. Entlang des Strandes finden jeden Tag viele Hochzeitsshootings statt. Israelis lieben Hochzeiten und scheinbar auch aufwendige Fotosessions, jedenfalls macht es Spaß von der erhöhten Strandpromenade dem Treiben am Strand zuzusehen. Außerdem ist in den kühleren Nachmittagsstunden die Zeit Hunde auszuführen. Israelis lieben Hunde und viele haben gleich mehrere Hunde an der Leine. Außerdem lieben Israelis Sport und Fitness. Am Strand gibt es viele Beachvolleyballfelder, Pools zum Bahnenschwimmen und besonders beliebt die Fitnessparcours mit Geräten, die immer ausgelastet sind. Ich erinnere mich, dass es bei uns solche Parcours im Wald gab, aber die letzten wurden in den 80ern gebaut und werden schon länger nicht mehr benutzt.

Eine weitere Möglichkeit zum Radfahren bietet durch den Hayarkon Park im Norden, hier kann man mehrere Stunden radeln ohne dass es langweilig wird, denn auch im Park gehen Israelis ihren Freizeitbeschäftigungen nach und es gibt immer etwas zu sehen.

Empfehlenswert ist auch die Strecke nördlich des Alten Hafens, hier kann direkt am Ufer radeln und kommt an den Rollfeldern eines kleinen Flughafens und des riesigen Towers eines Energiewerkes vorbei. Ich bin die Strecke im dunkeln gefahren, was eine besondere Atmosphäre mit den Lichtern der großen Türme des Energiewerks hat.

Street Photography in Tel Aviv

Gleich nach Radfahren ist mein zweitliebstes Hobby die Fotografie. Die Wege zwischen den In-Vierteln sind durchaus lang und es ist tagsüber heiß, so dass ich mir auch für diese Aktivitäte ein Citybike leihe, dass ich bei längeren Fußstrecken an einer der vielen Verleihstationen stehen lasse.

Entlang der Strandpromenade gibt es sehr viele Motive: Tel Aviver lieben Fitness an Geräten, Joggen, Skaten, man sieht verliebte Paare, und die Isralis führen ihre Hunde aus, oft auch mehrere aus.

Am Abend bietet der Strand zahlreiche Motive für Available Light Fotografie. So gelingen mir einige Schnappschüsse von beleuchteten Keith Haring Männchen, die im Sand stehen. Mehrere Strandbars sind schön beleuchtet. Die sich im Meer spiegelnden Wolkenkratzer sind ein weiteres beliebtes Motiv.

Natürlich entdecke ich auch viele Motive in den Straßencafes und auf dem Carmel Markt.

Sehenswert sind die Grafitits in der Nähe des Florentinerviertels und ein Besuch des Flohmarkts in Jaffa.

Das Nachtleben oder der kurze Besuch einer Tranceparty

Ich bin zu einer Tranceparty eingeladen, die im Süden der Stadt in einem Industrieviertel stattfindet und auf 22 Uhr angesetzt ist. Als ich um 23 Uhr ankomme stehen ein paar Leute vor der großen Halle, die Tür ist noch verschlossen. Die Leute sind überwiegend sehr jung, wer außer Schülern und Studenten kann schon an einem Montag ausgehen? Aber Tel Aviv schläft ja bekanntlich nicht. Letztendlich handelt es sich dann doch um eine riesige anonyme Clubveranstaltung. Nach und nach kommen „Gäste“ an, die dann auch reingelassen werden. Entweder Mitarbeiter oder Freunde von Freunden, die exklusiven Eintritt haben, nehme ich an. Ich hoffe dass ich da irgendwann noch reinkomme im Laufe des Abends. Da ich nicht zu spät bei meinem Host ankommen sollte, bleiben mir nur noch ein paar Stunden. Um Mitternacht werden dann endlich die ersten Gäste reingelassen, zunächst bleibe ich noch im Hintergrund, aber schnell wird klar, dass diejenigen reinkommen, die sich durch Handzeichen bemerkbar machen. Dies tue ich nun auch, scheitere aber noch am kritischen Blick der Einlasser. Dann klappt es endlich und ich darf zur Kasse durchgehen. Diese seltsame Türpolitik dient meiner Meinung nach dazu, das Event als etwas besonderes darzustellen. Drinnen ist es dann aber wirklich interessant. Es ist nicht nur ein guter DJ geboten sondern auch Performances und einen Art Markt für Kunst. Hier kann man eine unterhaltsame Nacht verbringen.

Fazit einer Partynacht: Es ist wirklich einfach das Nachtleben zu geniessen und auf Party mit Israelis ist gute Stimmung garantiert und ich hätte es gerne noch ausführlicher getan, aber man muss wissen, wo man in Tel Aviv hingeht. Am besten folgt man dem Tipp von Einheimischen oder erwischt eine der vielen privaten Partys.

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Tel Aviv III: Junge Bewohner im Porträt

4 Tage habe ich im November 2013 in Tel Aviv verbracht und über Couchsurfing viele Bewohner der Metropole getroffen. Neben einem atemberaubenden Strandleben habe ich interessante Begegnungen und Einblicke in den Alltag gewonnen, die ich hier in Form von Geschichten und Porträts mit euch teilen möchte. Aber lest selbst meine Beobachtungen und Gedanken, die natürlich sehr subjektiv sind.[Weiterlesen]

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Monumentale Löwen und Friedenstauben in Betlehem

Peter Anastas holt mich vom Bus ab. Nachdem ich in anderen Städte in der Westbank nach einem Host gesucht hatte, hat mich Peter von sich aus angeschrieben und in sein Haus eingeladen. Ich stehe in der Dämmerung an einer vielbefahrenen Straßenecke und warte auf jemand Fremdes, ganz im Vertrauen er möge mich dort abholen und es möge erneut eine gute Erfahrung werden. Es gehört schon eine große Portion Vertrauen zu der Art von Reisen, die ich mag.

Nach ein paar klärenden Telefonaten (ja, ich war im richtigen Bus Linie 21 und ja, genau diese Kreuzung muss es sein, wo ich warte), treffe ich ihn schließlich. Peter winkt mich durchs Fenster seines uralten Autos auf die andere Straßenseite. Bei dem vielen Verkehr haben wir gar nicht lange Zeit uns zu begrüßen, aber ein Blick genügt und ich fasse Vertrauen. Ich denke es geht im genauso. Ich schmeiße den schweren Rucksack in den Kofferraum und steige neben ihm ein.

Peter Anastas

Peter ist in Griechenland geboren und als Kind mit seiner Familie nach Palästina immigriert. Er ist Künstler und das hat mein Interesse geweckt, denn so eine Künstlerseele verfügt über Sensibilität und eine besondere Art von Wahrnehmung für die eigene Umgebung und diese kann ich mir zu Nutze machen. Ich möchte mehr sehen und mehr erleben, dies ist mein Antrieb auf jeder Reise.

Es folgt eine rasante Fahrt durch die Stadt, denn Peter muss noch kurz bei einem Freund etwas abgeben. Eine meiner ersten Fragen ist, ob er es mag in Westbank zu leben und er bejaht mir großer Überzeugung. Als Argument dreht er den Motor gleich noch etwas höher, „Wir haben hier viel Freiheit, mit dem Auto kann ich so schnell fahren wie ich will.“ Es macht ihm sichtlich Freude mir seine Stadt zu erklären und es ist ihm besonders wichtig, dass ich Vertrauen fasse. „Schau, die alleinreisenden Frauen auf dem Gehweg. Es gibt viel über Betlehem zu berichten, aber es ist keine gefährliche Stadt!“. Reiseveranstalter stellen das Bild von Westbank gerne anders dar, um für ihre Gruppentouren zu werben. Die Stadt lebt heute überwiegend vom religiösen Tourismus, der seine Spuren in den zahllosen Hotelneubauten hinterlassen hat. Und Peter wird nicht müde, mir die wohlklingenden Namen der Hotelketten aufzuzählen: Hyatt, InterContinental und wie sie alle heißen.

Dann erreichen wir das Wohnhaus, hinter dem Tor warten zwei imposante Löwenskulpturen auf den Besucher. Über eine geschwungene Aussentreppe gelangen wir in die Räume, die Peter bewohnt. Das Haus ist riesig und ich bekomme ein eigenes großes Zimmer mit Doppelbett. Später erfahre ich dass der Künstler mit einer kolumbianischen Frau verheiratet ist, die mit den Kindern in den USA lebt.

Simon und das Kulturerbe

Später besuchen wir dann noch Simon, der in einer Wohnung von Peter wohnt. Die Wohnung befindet sich in einem alten Steingewölbe mitten in der denkmalgeschützten Altstadt. Auch wenn Simon erst kurz im Zentrum für Kulturdenkmalschutz seinen Freiwiligendienst angetreten hat, so weiß der Politikwissenschaftler aus Frankreich allerhand zu erzählen und dank einer Flasche Rotwein wird es ein langer, gesprächiger Abend. Betlehem wurde 1981 auf die Liste der bedrohten Kulturdenkmäler der UNESCO gesetzt, als zweite Stätte im Westjordanland nach Jerusalem.

Als Geburtsort Jesu geniesst Betlehem natürlich einen besonderen Schutz. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie die Stadt früher ausgesehen hat: auf dem höchsten Punkt des Hügels trohnte die Geburtskirche und rund herum grüne Hügel mit Oliven- und Weinterassen. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Betlehem ist außerhalb der Altstadt eine laute, von starkem Verkehr heimgesuchte Stadt. In alle Richtungen das gleiche Bild: die umliegenden Hügel bestehen aus einem Meer an gleichförmigen Häusern, die in der typischen arabischen Bauweise errichtet sind.

Die Behörde versucht die Bedeutung Betlehems und ihrer vielen historischen Stätten ins internationale Bewusstsein zu rücken. Keine leichte Aufgabe, schließlich hat das Westjordanland in den letzten Jahren am wenigsten mit Kultur Schlagzeilen gemacht. So merkt man dem jungen Simon an, dass seine Arbeit ihm vor allem psychisch viel abverlangt. Auf dem Tisch stapeln sich Aufsätze und Bücher über Kulturerbe, Palästina und den Nahostkonflikt. In kürzester Zeit versucht er sich einen Überblick über dieses komplexe Thema zu verschaffen um dann Vorschläge für einen Verbesserung der Situation zu machen. Wo soll das Geld für die Sanierung herkommen, die der marode palästinensische Staat nicht aus eigener Kraft aufbringen kann? Fortschritte sind nur mit langem Atem zu erzielen, schließlich funktioniert die Behörde nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und es gilt viele Player mit ins Boot zu holen. In jedem Fall ein mühsamer Prozess. Simon warnt mich: Vertraue hier nie der Meinung eines einzelnen, sondern bilde dir immer deine eigene Meinung. Jeder dreht die Fakten  so, wie sie in sein Konzept passen. Das klingt für mich sehr misstrauisch, aber ich nehme an, dass es auf seinen Erfahrungen beruht. Simon werde ich an meinem zweiten Abend noch einmal treffen: Wir gehen gemeinsam zu einem Vortrag in einem kleinen soziokulturellen Zentrum wo fast nur Ausländer ein- und ausgehen. Sie bilden ihre eigene Community und organisieren Events. Ein paar Einheimische sind auch da, ich spreche kurz mit einem Studenten aus der Stadt Hebron im Süden. Er kommt mit seinen Freunden öfter hier vorbei und schätzt den offenen Meinungsaustausch mit den Ausländern. Der Vortag ist von einem Wissenschaftler, der über die Ökonomie Palästinas spricht. Für mich wird das eine interessante Zusammenfassung der historischen und politischen Lage. Auf meiner weiteren Reise in Westbank habe ich in dem Dorf Jayous noch einmal NGO-Mitarbeiter getroffen und es war interessant über ihre Hintergründe (link) zu erfahren.

Monumentale Löwen und Friedenstäubchen fürs Regal

Am nächsten Morgen fahre ich mit Peter in seine Werkstatt, die sich in einer kleinen Siedlung wenige Kilometer außerhalb von Betlehem befindet. Es sind drei Brüder, die das Steinbildhauerhandwerk vom Vater gelernt haben. In mehreren Räumen stehen auf engstem Raum hunderte von fertigen und unfertigen Skulpturen. Das Rohmaterial, die riesigen Steinblöcke, lagern hinter dem Haus. Er zeigt mir eine handgroße Friedenstaube, ein Flügel muss noch mit Spezialwerkzeug abgetragen werden, die Konturen der Flügelform hat er mit einem Stift aufgezeichnet. In einem kleinen Raum zeigt mir Peter stolz seine Fotogalerie berühmter Personen, die bei ihm Skulpturen bestellen. Im Moment arbeitet er an einer monumentalen Skulptur für den Staat Kolumbien und demnächste werden seine Figuren den Krippenplatz in Betlehem schmücken. Er arbeitet auch mit Künstlern aus Israel zusammen und fährt regelmäßig nach Jerusalem, wo seine Kleinskulpturen in einer Galerie verkauft werden. Es wird deutlich, dass er als angesehener Künstler ein einfacheres Leben hat als der durchschnittliche Bewohner.

Nach dem Besuch der Werkstatt fährt mich Peter zurück zur Bushaltestelle, wo wir uns gestern trafen. Ich laufe hinauf zum Cinema Square, von wo es weitere 10 Minuten bis zum Manger Square, landläufig auch als Krippenplatz bezeichnet, sind. Die nach Papst Paul benannte Straße wird gerade einmal komplett umgepflügt. Später werden die Gassen noch enger und es tauchen exotische Ladenfenster und ganzjährige „Weihnachtsdekoration“ auf. Die Altstadt verfügt über eine eigentümliche Atmosphäre: die Bauwerke atmen christliche Geschichte, neben der Geburtskirche finden sich evangelisch-lutherische und syrisch-orthodoxe Kirchen. Gegenüber der Grabeskirche strahlt der Halbmond von der großen Umar-Moschee. Auf der anderen Seite verleihen die vielen Straßenhändler, die Obst und Gemüse, Krimskrams, Schuhe und vor allem süße Snacks feilbieten der Stadt ihr typisch arabisches Flair.

Auf dem Krippenplatz angekommen fällt mir gleich das tunnelförmige grüne Gerüst auf mit circa zehn Männern, um es noch weiter in die Höhe zu verlängern. Mitte November ist höchste Zeit, den Weihnachtsbaum zu errichten. Sobald das Gerüst steht, werden grüne Zweige „aus allen Herren-Ländern“ herbeigebracht, um den Baum in großer Pracht erstrahlen zu lassen.

Die Geburtskirche in den letzten Jahren zu einem traurigen, neuen Ruhm gekommen: In der Vorweihnachtszeit wird die Kirche von Mönchen verschiedener Glaubensrichtungen gründlich geputzt. Jede Glaubenspartei kontrolliert einen Abschnitt. Doch jedes Jahr endet die Aktion mit Streitigkeiten, bei denen Menschen mit Besenstielen aufeinander einschlagen bis die palästinensische Polizei einschreitet.

Vor der Geburtskirche treffe ich einen Führer, der mir zeigt, wie ich ohne anstehen, in das Kirchenschiff komme. Er war erst neulich in Berlin und hat dort ein Theater in Moabit besucht, das von Palästinensern geführt wird.

Im Inneren der Kirche gehe ich zum vorderen Kirchenschiff, dort drängeln sich viele Menschen um die Stufen, die in die Geburtsgrotte hinunterführen. Ein Stern markiert den Ort, an dem Jesus geboren sein soll. Frauengruppen aus Osteuropa oder Russland – die Gruppenzugehörigkeit wird an den bunten Kopftüchern deutlich – drängeln sich um den Eingang zum mystischen Ort. Und sie tauchen sichtlich gerührt auf der anderen Seite der Grotte wieder auf.

Ein Besuch am Kontrollpunkt

Bald habe ich die Sehenswürdigkeiten in der Altstadt abgehackt und besuche noch einige der Kulturzentren der Stadt. Ich habe gehofft etwas über palästinensische, moderne Kunst zu erfahren, werde in dieser Hinsicht in Betlehem aber eher enttäuscht, dafür ist Ramallah und Jenin die deutlich bessere Adresse. Die erste Anlaufstelle für Touristen ist das Peace Center auf dem Manger Square neben der Geburtskirche, das aber keine tiefergehenden Informationen vermittelt. Schüler sind hier zum Dienst eingeteilt, die mir nicht weiter helfen können, die finanzielle Situation der Stadt erlaubt wahrscheinlich kein qualifiziertes Personal.

So mache ich mich noch auf zu einem weiteren Kulturzentrum, dem Palestinian Heritage Center. Auch wenn das „Museum“ selbst enttäuschend ist, da es nur aus einem riesigen Sammelsurium an handbestickten Kleidern besteht, so sehe ich auf dem 5 Kilometer langen Fußweg noch eine andere Seite von Betlehem. Über die sich um den Stadthügel windende Manger Street habe ich eine gute Aussicht auf die Siedlungen rund herum. Hier wird deutlich, wie stark sich Betlehem ausgebreitet hat, besonders nach dem arabisch-israelischen Krieg 1948 strömten zahlreiche Flüchtlinge aus Israel in die Stadt, um in den Flüchtlingslagern eine Wohnstätte zu finden. Die Häuser sind hier in einem einfachen Stil errichtet, viele haben nicht mal ein Dach und ein Sturm würde die Siedlung wie ein Kartenhaus umwerfen.

Am Ende der Straße stehe ich dann unversehens vor dem Kontrollpunkt Betlehem, der von einer 8 Meter hohen Mauer markiert wird. Im Vergleich dazu war die Berliner Mauer nur halb so hoch, nämlich 4 Meter. Heute ist sie eine Riesenleinwand für Grafitikünstler und Aktivisten. So friedlich wie in Betlehem geht es aber nicht überall zu, denn gerade entlang der Mauer kommt es immer wieder zu Ausschreitungen und 2011 kamen 20 Menschen bei einer Antimauer-Demo ums Leben.

Gespräch mit Peter über Religion

Es ist schon ein wenig besonders, in Palästina ausgerechnet einen christlichen Host zu haben. Mein geringes Interesse an den heiligen Orten in seiner Stadt fiel Peter schon bei der ersten Begegnung auf. Er hat ein handfestes Wissen seiner Religion und in seinem Beruf muss er die christliche Ikonographie kennen. Am Abend vor meiner Abreise reden wir unter anderem über Religion. In unserem Gespräch fällt mir auf, wie wenig ich über „meine“ Religion weiß. Auf Reisen bin ich immer wieder in neue Wissensgebiete vorgestossen, man stellt aber auch fest, wie wenig man im Grunde weiß. In Israel ging es mir besonders so: Die Reise stellt einen ersten Grundstein dar und schärft die Aufmerksamkeit für ein Land. Anschließend gibt es noch so unendlich viel mehr darüber zu erfahren…!

Praktische Reisetipps

Anreise von Jerusalem: In Jerusalem habe ich den Bus Linie 21 von Damaskus Tor genommen und bin ohne Kontrolle nach Betlehem gefahren. Andere Linien passieren den Kontrollpunkt und man muss aussteigen und den Pass vorzeigen, was die Fahrt in die Länge zieht.

Übernachtung: Ich habe es nicht bereut in Betlehem zu übernachten, denn so bekommt man ein Gefühl für die Stadt und es ist toll abends durch die Gasssen der beleuchteten Altstadt zu schlendern. Neben Couchsurfing gibt es noch eine weitere Alternative für Privatunterkünfte. Wie die FAZ in einem Artikel schreibt, vermittelt in Beit Sahour und in Beit Jala die „Alternative Tourism Group“ Unterkünfte bei Familien. Das ist sicherlich ein unterstützenswertes Projekt, da so das Geld direkt bei der Bevölkerung ankommt

Kulinarische Highlights: Ich habe in Strassenimbissen mich mit Falafel und arabischem Gebäck versorgt. Eine Alternative sind die vielen Obst- und Gemüsehändler rund um den Cinema Square besucht. Was mir immer wieder auffiel war, dass entgegen meiner Erfahrungen aus anderen arabischen Ländern in Westbank nicht ganz so hart gefeilscht wird. Das sollte man dann als Tourist auch nicht tun! Nicht verpassen: Knafeh, die leckerste Süßspeise der Welt!

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Im Kibbutz En Gedi

Der beste Eindruck vom Kibbutz En Gedi erschließt sich mir von einer Anhöhe auf den ich und Noam, mein Host im Kibbutz, in der Abenddämmerung steigen: eine überschaubare Siedlung nur wenige hundert Meter von der Küste des Toten Meers entfernt. Das erstaunlichste ist, dass sie eine grüne Oase mitten in der Wüste bildet, hier wachsen nicht nur Palmen und Kakteen sondern auch grüne Baume und Blumen in den schönsten Farben. Wie ist das möglich? Noam klärt mich auf, dass der Kibbutz durch die Quellen über besondere natürliche Wasservorkommen verfügt, die dem Rest der Wüste versagt bleiben. Das Wasser entspringt in den Bergen und läuft durch die Schlucht hinab zum tiefsten Punkt der Erde, an dem En Gedi und das tote Meer liegen. Das Quellwasser von hier ist besonders gut, leider wird es daher seit einigen Jahren kommerziell in Flaschen verkauft und tatsächlich trägt meine PET-Wasserflasche, die ich am Nachmittag gekauft habe, den Schriftzug En Gedi. Noam bittet mich, keine Wasserflaschen mit dem Label mehr zu kaufen, da der Kibbutz die natürlichen Wasservorräte selbst braucht, in trockenen Monaten muss Wasser von woanders hinzugekauft werden.

Von meinem erhöhten Standpunkt sehe ich auf der linken Seite in die Schlucht Wadi Arugot. Sie gehört zum Naturschutzgebiet und Wanderwege führen zu den Wasserfällen. Noam sitzt gerne unter einem der Bäume mit breiter, flacher Baumkrone, die dem Wanderer Schutz vor der Sonne spenden.

Wie die überwiegende Zahl der Kibbutze hat sich En Gedi schon längst kapitalistischen Prinzipien unterworfen und zum Bedauern vieler Bewohner sind als letztes Relikt auch die gemeinsamen Mahlzeiten in einem großen Speisesaal weggefallen, doch es handelt sich dennoch um einen besonderen Ort. „Hier lebt jeder so wie er will, in seinem eigenen Haus und man kann auch mal abends laut Musik machen.“ Für mich hört sich das fast an wie ein gut funktionierendes Dorf ohne die negativen Aspekte wie Überwachung und soziale Zwänge.

Noam

Die Haupteinnahmequelle ist der Tourismus, der Kibbutz hat ein Hotel und mehrere Gästehäuser, außerdem eine Spa Oase. An dessen Pool ist Noam gerade eingesetzt, als ich ihn treffe. Nun beaufsichtigt er schon ein  Jahr den Pool, sein gutes Englisch ist für den Umgang mit den Touristen unerlässlich. Er hat sich 2 Jahre in Amerika mit allen möglichen Jobs  durchgeschlagen, trotzdem ist er wieder zurück nach Israel gekommen. Trotz der Schwierigkeiten des Landes, vor allem die Folgen der vielen Kriege, den Palästinenserkonflikt und hohe Lebenshaltungskosten bei niedrigen Löhnen, fühlen sich die Menschen sehr mit ihrem Land, ihrer Heimat verbunden. Auch wenn er weiß dass er mit seinen 28 Jahren sein Leben nicht hier verbringen will, mag der im Moment das friedliche Leben in dieser besonderen Landschaft, den Frieden, der sich besonders kurz vor der Dämmerung über den Landstrich legt. Er ist zwar in Jerusalem geboren aber in die Stadt möchte er nicht mehr zurückkehren. Nach einem Arbeitstag kocht er einfache aber gesunde Gerichte wie Shashuka und schaut amerikanische TV-Serien.

Ein Naturwunder, das so viel Spaß macht

Den nächsten Tag verbringe ich am Strand genauer gesagt am Public Beach von En Gedi, das ist einer der vielen Strände entlang des Toten Meers. Es ist ein windiger Tag und das Meer entwickelt leichte Wellen, in denen man sich herrlich treiben lassen kann. Der Tag zählt mit zu den unvergesslichsten Momenten auf meiner Israelreise. Ich treffe zwei deutsche Traveller, Andre und Sören, die per Anhalter unterwegs sind und mit Schlafsäcken direkt am Strand übernachtet habe. Ein Must ist die Schlammkur: Man nehme den schwarzen Schlamm, der am Strand in Säcken zu haben ist, er stammt aus einem Vorkommen weiter weg.  Man erkärt uns dass der dunkle Schlamm besser sei als der helle. Wir bedecken den ganzen Körper damit und wenn die Schicht getrocknet ist, dann gehts ab ins Wasser. Die Haut fühlt sich nach der Schlammkur zunächst etwas trocken an, später aber ist sie mit einer angenehm öligen Schicht überzogen. Unreinheiten heilen sehr schnell ab und das beste ist, dass man am toten Meer wegen der tiefen Lage nicht so leicht Sonnenbrand bekommt, da die UV-Strahlen vorher absorbiert werden. Das Klima hat es allerdings in sich, denn auch im November steigen die Temperaturen hier noch auf 34 Grad, im Sommer muss es unerträglich heiß sein. Da das Wasser des Toten Meeres den Körper austrocknet sollte man viel Wasser trinken.

Wüste als Kulisse des toten Meers

Die Wüste bildet die dramatische Kulisse für das Naturwunder Totes Meer

Am Nachmittag, nach dem Bad, erkunden wir einen kurzen Küstenabschnitt zu Fuß. Nicht nur das Wasser hat einen sehr hohen Salzgehalt sondern auch das Land ist mit einer Salzschicht überzogen. An einigen Stellen ist der Strand mit einer geschlossenen Kruste aus Salz überzogen, an anderen Stellen liegt das Salz fein- oder grobkörnig herum. Badesalz zum Mitnehmen! Wir finden auch handgroße Salzklumpen.

Nirgendwo sonst auf meiner Reise hätte ich hier gerne ein eigenes Auto besessen, um den ganzen Küstenabschnitt mit den vielen Stränden kennen zu lernen und spontan überall zu zelten oder Touren in die Berge mit grandioser Aussicht zu machen. Selbst in Masada kann man neben der Jugendherberge umsonst zelten.

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Masada: auf den Spuren einer Tragödie

Seit 2001 ist Masada Unesco-Welterbe und zweifellos gehört die Besteigung im Sonnenaufgang zu den schönsten Momenten einer Israel-Reise. Ich habe die dramatische Historie hinter dem Berg erst in der Nacht vor meinem Aufstieg im Lonely Planet nachgelesen: 73 n.Chr. flüchteten sich eintausend jüdische Bewohner Jerusalems auf eine Festung mitten in der Wüste um der Versklavung durch die Römer zu entkommen. Als sie jedoch die Römer kommen hörten, töteten sie sich selbst. Für Israel ist der Berg auch im 20. Jahrhundert noch ein Zeichen für den Wiederstand gewesen, und im 2. Weltkrieg hörte man Israelis noch sagen: „Masada soll nie mehr fallen“. Es gab mir ein komisches Gefühl mir vorzustellen, dass ich auf den Spuren dieser verzweifelten Menschen wandele um am Ende einen schönen Sonnenuntergang zu erleben und ein Erinnerungsfotos mit nach Hause zu nehmen. Im Reiseführer las ich zudem nach, dass Soldaten den Berg als Trainingsplatz nutzen und dort neuerdings Yoga machen dürfen.

Eine Busfahrt in die Wüste mit gutem Ausgang

Von Jerusalem ist die Anfahrt mit dem Bus vom Hauptterminal problemlos in 2 Stunden zu bewälten. Nicht jedoch an diesem Donnerstagabend vor dem Shabbat, denn da wollen alle nach Hause und der Bus hält wirklich überall! Da ich den Tag für Sightseeing in Jerusalem genutzt habe, bin ich im letzten Bus um 16.15. Kurz hinter Jersualem beginnt die Wüste, ich sehe die grauen Felshügel nur noch ungenau in der Dämmerung und bald fährt der Bus durch die stockdunkle Nacht. Im November wird es um 5 Uhr dunkel! Obwohl wir uns bald auf der Route 90, einer der großen Highways durch Israel befinden, zieht sich die Fahrt hin, denn der Bus biegt immer wieder von der Schnellstraße ab und fährt über Einfahrtsstraßen in Siedlungen.

Irgendwann werde ich sehr müde und verliere das Zeitgefühl und springe schließlich ohne nochmal nachzufragen aus dem Bus, mein Blick wandert zu dem Schild, das zu einer Jugendherberge zeigt – auf dem Schild steht: En Gedi. Mist, ich bin zu früh ausgestiegen, denn Masada liegt noch 15 Kilometer hinter En Gedi. Ich wollte zwar auch noch nach En Gedi, aber erst morgen. So stelle ich mir kurz die Frage, ob ich auf Nummer sicher gehen soll und in die JH einchecken oder bei meinem Plan bleibe und den Daumen raushalte. Ich entscheide mir für Variante zwei und nach nur ein paar Minuten hält ein Kleinwagen mit zwei jungen Männern mit Kippa, die mich dann auch mitnehmen obwohl wenig Platz in ihrem Mini-Wagen ist. Wir unterhalten uns auf dem kurzen Stück nicht viel, sie haben es nicht eilig und sind auf dem Weg in den Urlaub. So fahren sie mich dann auch vor die Tür der JH, die ein ganzes Stück entfernt von der Hauptstraße auf dem Berg liegt. Eine palmengesäumte Allee führt zu einem riesigen Palast-ähnlichen Gebäude aus hellem Sandstein, das in der Nacht Orange angestrahlt ist. Rechts von der Anlage erkennt man schemenhaft die Berge, nach links öffnet sich der Blick in eine weite Ebene, die sich aus ehemals unter Wasser liegenden Gesteinen gebildet hat.

Der Aufstieg hat es in sich!

Viel Zeit bleibt mir nicht den Komfort der „Herberge“ wie Swimmingpool und meterlanges Frühstücksbuffet auszukosten, denn nach einer sehr kurzen Nacht stehe ich mit zahlreichen anderen Wanderern am Fuße des Bergs vor einem Drehkreuz. Genau um 5 Uhr öffnet sich das Tor und man kann den sogenannten Schlangenpfad betreten. Der Pfad bringt einen in einem einstündigen Fußmarsch auf den Berg. Er ist nur am frühen Morgen und in den Abendstunden geöffnet, in den Mittagstunden, wenn es zu heiß zum Wandern ist, fährt eine Seilbahn. Der Aufstieg hat es in sich, denn es geht zunächst auf Geröllwegen immer bergauf, in der Dämmerung ist der Untergrund schwer zu erkennen, daher setzen einige Leute das Licht ihres Handys ein und ich bin froh mein Einbeinstativ als Gehstock zu verwenden. Später kommen dann sehr viele Treppen, die sich in Schlangenlinien den Berg hinaufwinden, um schließlich auf einem Betonplateau zu enden, das zum Betrieb einer Seilbahn gehört. Von dort gelange ich über eine kurze Treppe auf den Tafelberg. Es öffnet sich ein spektakulärer Blick auf die weite Ebene und von hier oben erkennt man, wie weit sich das tote Meer bereits zurückgezogen hat. Leider machen die Wolken an diesem Tag der Hauptattraktion einen Strich durch die Rechnung und der große rote Sonnenball zeigt sich nur für ein paar Minuten bevor er in die Wolkenwand abtaucht.

Ab 6 Uhr leert sich der Berg schon wieder und die großen Gruppen und Schulklassen treten den Abstieg an und so nutze ich diesen schönen Moment für eine Yogaeinheit in dieser ungewöhnlichen Kulisse. Nachdem ich seit meiner Ankunft in Israel nicht dazu gekommen bin, geniesse ich es zu mir zu kommen und einen friedlichen Moment zu erleben an einem so besonderen, geschichtsträchtigen Ort.

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