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eine Stadt, die eigentlich viele Städte ist

Was erwartet einen Traveller in Jerusalem, das möchte ich hier mal in Form einiger Fakten unn perönlicher Erlebnisse wiedergeben. Ein paar Tage, wie ich sie hatte reichen gerade aus, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.

Der Kampf um die Stadt

19 Jahre lang war Jerusalem eine geteilte Stadt wie Berlin. Sowohl die Israelis als auch die Palästinenser bezeichnen Jerusalem als ihre Hauptstadt. Der neue Staat Israel bezeichnet Jerusalem als Hauptstadt. Weil der Status Jerusalems nach wie vor strittig ist, haben die meisten Staaten ihre Botschaften in Tel Aviv belassen. Seit den Selbstmordattentaten der Zweiten Intifada wurden Sperranlagen errichtet, die die Stadt gegenüber dem Westjordanland abriegeln. Friedenspläne schlagen eine Teilung der Stadt vor, bei der jüdische Stadtteile zu Israel und arabische zu Palästina fallen. Keine Einigkeit besteht hinsichtlich der Altstadt, vor allem in Bezug auf den Tempelberg, der Juden und Moslems heilig ist.

Kulturelles Wirrwarr

Jerusalem ist nicht nur eine Stadt, es sind viele Städte, miteinander verworben und verschachtelt, eine Vielzahl unterschiedlicher Stadtviertel, jedes mit seiner eigenen Sprache: Griechisch, Armenisch, Arabisch, Hebräisch, Syrisch, Äthiopisch, Lateinisch, Russisch, Yiddisch, Türkisch, Französisch und natürlich Englisch und Deutsch.

Ich muss zugeben, dass mich dieser kulturelle Wirrwarr manchmal etwas schwindelig gemacht hat. Es gibt aber zum Glück Parkanlagen, auf deren Rasen man sich bei Erschöpfungserscheinungen fallen lassen kann, zum Beispiel direkt vor dem Damaskus Tor.

Über Jerusalem liegt die Last des kulturellen Erbes. An jeder Ecke gibt es ein Heiligtum zu bestaunen, eines bedeutsamer wie das andere. Das lockt natürlich Scharen von Touristen und noch mehr Straßenhändler und Tourguides an, die daraus ein Geschäft machen.

Erste Eindrücke

Einen Eindruck von den vielen Siedlungen bekomme ich als ich mit dem Bus von Tel Aviv ankomme. Schwer vorzustellen, dass dieser unübersichtliche Flickenteppich auf den vielen Hügeln die berühmte, heilige Stadt bildet. In den kommenden Tagen werde ich mich auf einer winzigen Fläche bewegen, zumeist in der nur 1 km² großen Altstadt.

Ich komme am zentralen Busbahnhof an und trete auf den Vorplatz, hier ist allerhand los und es dauert einen Moment bis ich den modernen Zug entdeckte, der Richtung Altstadt fährt.

Der Zug durchquert zunächst die Neustadt: Sie erinnert an eine Einkaufsmeile im europäischen Stil mit Cafes und Läden. Hier liegt auch, etwas versteckt über eine Seitenstraße zu erreichen, der Mahane Yehuda Markt, ein riesiger Lebensmittelmarkt auf dem Gewürze, Gemüse und Gebäck feilgeboten werden. Ich steige am Rathaus aus und laufe zum Jaffe Gate, das ist eines der sieben Eintrittstore in eine faszinierende Welt der Kulturen und Religionen.

Die Altstadt von Jerusalem ist von einer imposanten Stadtmauer umgeben, die von den Osmanen Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut wurde und heute kann man sie durch 7 Tore betreten. Dazwischen liegt ein faszinierendes Labyrinth an engen Gassen, in dem man sich einmal verlaufen nur schwer wieder herausfindet.

Mein Tag in Jerusalem beginnt stets früh:

Von meiner privaten Unterkunft am Herzl Berg steige ich in den supermodernen Light Rail, der die Stadt von West nach Ost durchquert. Ich steige am Rathaus aus und laufe von dort den kurzen Fußweg zum Jaffa Tor. Auf dem großen Platz vor dem Tor ist allerhand los: Eine Gruppe aus Nigeria in auffälliger Robe hält eine Art Zeremonie mit Sprechgesang ab. Zwischen die auffällige Gruppe mischen sich aber auch andere Menschen und es entstehen Gespräche. Die Aufregung, die der Besuch von Jerusalem und seinen Heiligtümern mit sich bringt, ist allen Menschen anzumerken.

Direkt vor dem Tor entdecke ich die Sandemanns Free Tour, eine kostenlose Stadtführung, die täglich um 12 Uhr von Geschichtsstudenten angeboten wird, und schließe mich kurzerhand an. Ich erfahre dass hinter dem Jaffa Tor das armenische Viertel liegt. Armenier waren lange Zeit eine sehr große Bevölkerungsgruppe Jerusalems und erhielten daher ein eigenes Viertel. Die Altstadt besteht aus 4 Vierteln, einem armenischen, jüdischen, muslimischen und christlichen. Die Bezeichnungen der einzelnen Viertel stammt aus einer Zeit, als die verschiedenen Gruppen streng voneinander getrennt lebten.

Heute lebt aber die Altstadt von der einzigartigen Vermischung ihrer Bevölkerungsteile und damit auch der Religionen und Kulturen. Dies wird deutlich in den stillen Gassen des armenischen Viertels genauso wie in dem von Händlern und Menschen überlaufenen muslimischen Viertel. Wer denkt die Altstadt ist ein Museum der Kulturen der täuscht sich, denn sie ist noch immer so dicht bewohnt wie früher. Im armenischen Viertel sind die Häuser und Türen niedrig und die Fenster oft nur kleine Gucklöcher. Kaum vorstellbar dass dahinter auch heute ganze Familien wohnen. Das armenische Viertel ist am wenigsten touristisch.

Kurz vor dem Klagemauerplatz, der im jüdischen Viertel liegt, verliere ich die Gruppe und betrete den Platz nach Passieren der Sicherheitskontrollen. Die Klagemauer war die Stützmauer des äußeren Teils des Zweiten Tempels und wurde bereits in der Osmanenzeit ein Pilgerziel. Frauen und Männer haben getrennten Zugang zur Mauer, es bilden sich Gruppen, die gemeinsam tanzen und singen. Die Musiker sitzen aber auf der Seite der Männer und die Frauen steigen auf Stühle um von dem Spektakel etwas mitzubekommen. Klagen und feiern gehen hier eine ganz eigenartige, ansteckende Mischung ein, so sehe ich eine Frau, die mit ihrer kleinen Tochter tanzt.

Am Morgen des zweiten Tags laufe ich früh los und reihe mich ein in die Wartenden zum Einlass auf den Tempelberg.

Ich habe Glück, denn Alleinreisende können sich vordrängen und müssen nicht mit den Reisegruppen warten. So bin ich einer der ersten Touristen, die den Platz betreten. Zunächst ein unerwartetes Bild: Männergruppen sitzen unter schattenspendenden Bäumen und lesen aus dem Koran. Auch vereinzelte Frauen sind hier in ihr Buch vertieft oder unterhalten sich. Ich laufe weiter und entdecke die goldene Kuppel der Al-Aksa Moschee in der gleisenden Sonne. Zur Moschee führen Stufen hinauf, auf dem Plateau ist es jetzt noch ruhig. Nur eine Frau schrubbt den Boden vor dem Eingang der Moschee. Später kommen weitere Reinigungskräfte und schrubben den Vorplatz während Touristen Fotos machen und Schulklassen Referate halten. Jerusalem ist weit entfernt eine Museumsstadt zu sein, sondern sie ist unheimlich lebendig.

Als ich wieder von dem Plateau herabsteige und weiter in den hinteren Teil des Platzes laufe, kommt ein Mann auf mich zugestürzt. Er fragt erst freundlich woher ich komme und macht mich dann darauf aufmerksam, dass mein T-Shirt keine adäquate Bekleidung darstellt und ich ziehe schnell meine schwarze Jacke drüber, die eigentlich zu warm ist für die Temperaturen. Er führt mich zu der imposanten Mauer, die den Platz umgibt und will mir etwas zeigen. Die Mauer hat kleine Ausblicke auf die umliegenden Hügel. Nach einer Weile verstehe ich, dass er mir zeigen will, wo es noch schöne Kirchen gibt. Das christliche Jerusalem reicht von der Grabeskirche, die nur ein paar hundert Meter vom Tempelberg entfernt liegt bis auf den Ölberg hinauf und in die byzantinischen Klöster, die überall auf den Bergen rund um die Stadt verteilt sind. Ich hoffe er denkt nicht, dass ich mich auf dem Tempelberg verirrt habe, aber ich habe das Gefühl, dass sein Leben danach wieder in Ordnung ist. Er geht zurück zu seinem Olivenbaum und setzt die Ernte fort, indem er kräftig am Baum rüttelt. Für viele Menschen ist der Platz wie ein Zuhause. Der Tempelberg ist nicht nur eine religiöse Stätte sondern ein Ort wo Menschen ihren Tag verbringen, mit allen Beschäftigungen, die dazu gehören. Es ist wie der öffentliche Platz einer Stadt, wo das Leben stattfindet. Dies unterscheidet sich doch sehr von heiligen Stätten im christlichen Europa, wenn ich beispielsweise an den Petersplatz in Rom denke.

Alle haben einen exklusiven Besitzanspruch an die Stadt.

Christen in der heiligen Stadt

Wie ist es als christlich Erzogene die Grabeskirche und die Via Dolorosa, die letzten Stationen Jesu Christi zu besuchen? Einen hatnah Erlebnis-Bericht habe ich hier gefunden. Ich merke dass ich in der Kirche mit dem Grab doch Gänsehaut bekomme, was mich an keinem anderen Ort der Stadt heimgesucht hat. Hier trauern und hoffen so unendlich viele Menschen, das es ergreifend ist. Mir wird fast schwindelig als ich den Kopf in den Nacken lege, um das riesige Mosaik mit dem Abbild Jesu in der zentralen Kuppel zu erfassen. Es ist aber auch einfach interessant Menschen zu beobachten, in deren Haltung sich Ergriffenheit und Erschöpfung die Waage hält.

So richtig schön erscheint die Stadt von oben nicht 

Ein Meer aus typischen arabischen weiß-grauen Häusern, nur die goldene Kuppel des Felsendoms ragt heraus. Zwischen Hausdächern erblickt man die Spitzen der verschiedenen Gotteshäuser: den Zionsstern, neben dem Kreuz und nicht weit entfernt der Mond auf der Spitze des Felsendoms.

Die Menschen wohnen in dieser Stadt, das merkt man zum Beispiel wenn man auf den Dächern der Stadt spazieren geht. Hier oben sind Fahrräder geparkt und Kinder spielen nach der Schulzeit. Man kann Blicke in Wohnungen und Gebetshäuser erhaschen. Ich denke mir, dass die Menschen sehr geduldig sein müssen, wenn sie ihren Lebensraum mit so vielen Touristen teilen müssen.

Was macht die Faszination dieser Stadt aus?

Ganz sicher das Aufeinandertreffen der Kulturen und Religionen. Wer durch die engen Gassen der Altstadt läuft der kann sich der Faszination, die dieses Gewusel erzeugt nicht entziehen: Juden, Moslems, Christen leben hier auf engstem Raum und dies nicht etwa in streng getrennten Vierteln sondern die Grenzen verwischen hier auf erstaunliche Weise und haben bei mir den Eindruck erzeugt, dass die Religionen friedlich zusammen leben.

Als Besucher taucht man ein in den Alltag der Bewohner: gerade ist Schulschluss in einer Koranschule am Ende der Via Dolorosa. Die Straße verläuft ein ganzes Stück durchs muslimische Viertel. Touristen auf dem Weg zur Grabeskirche schießen eifrig Fotos von den kleinen muslimischen Mädchen mit ihren Kopftüchern. Ein Mädchen reist es sich vom Kopf, ihr ist warm und nach der Schule muss sie es eh nicht mehr tragen.

Die Souvenierhändler haben sich auf Besucher aller Religionen eingestellt und verkaufen christliche Devotionalien, Schleier für muslimische Frauen, Halsketten mit dem Auge der Fathima liegt neben Schmuck mit jüdischen Symbolen.

Meine Tipps für Jerusualem Reisende

Einer meiner Lieblingsorte ist das österreichische Hospiz an der Via Dolorosa. Hier kann man dank der zentralen Lage eine Pause einlegen. Eine wunderbar entspannte Atmosphäre, selbst im Cafe muss man nichts bestellen und geniesst den wunderschönen Garten und die Ruhe. Luxustoiletten, Arbeitstische, ein wunderschöner Garten – auch für Nichtgäste, alles umsonst, eben echte Gastfreundschaft. Hinter der Cafebar nimmt die Schwester die Bestellungen für Cappuchino entgegen. Dass überall Österreichisch gesprochen wird, verschmerzt man dann gerne 😉 Vorsicht: das Gebäude steht nicht offen, sondern man muss an der mächtigen Tür klingeln.

Menschen mit Faible für religiöse Streetfotografie kommen in Jerusalem auf ihre Kosten. Ich habe meine Leidenschaft auf meiner Israel-Reise entdeckt. Egal ob in Gotteshäusern oder auf der Straße, es gibt faszinierende Motive!

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