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Monumentale Löwen und Friedenstauben in Betlehem

Peter Anastas holt mich vom Bus ab. Nachdem ich in anderen Städte in der Westbank nach einem Host gesucht hatte, hat mich Peter von sich aus angeschrieben und in sein Haus eingeladen. Ich stehe in der Dämmerung an einer vielbefahrenen Straßenecke und warte auf jemand Fremdes, ganz im Vertrauen er möge mich dort abholen und es möge erneut eine gute Erfahrung werden. Es gehört schon eine große Portion Vertrauen zu der Art von Reisen, die ich mag.

Nach ein paar klärenden Telefonaten (ja, ich war im richtigen Bus Linie 21 und ja, genau diese Kreuzung muss es sein, wo ich warte), treffe ich ihn schließlich. Peter winkt mich durchs Fenster seines uralten Autos auf die andere Straßenseite. Bei dem vielen Verkehr haben wir gar nicht lange Zeit uns zu begrüßen, aber ein Blick genügt und ich fasse Vertrauen. Ich denke es geht im genauso. Ich schmeiße den schweren Rucksack in den Kofferraum und steige neben ihm ein.

Peter Anastas

Peter ist in Griechenland geboren und als Kind mit seiner Familie nach Palästina immigriert. Er ist Künstler und das hat mein Interesse geweckt, denn so eine Künstlerseele verfügt über Sensibilität und eine besondere Art von Wahrnehmung für die eigene Umgebung und diese kann ich mir zu Nutze machen. Ich möchte mehr sehen und mehr erleben, dies ist mein Antrieb auf jeder Reise.

Es folgt eine rasante Fahrt durch die Stadt, denn Peter muss noch kurz bei einem Freund etwas abgeben. Eine meiner ersten Fragen ist, ob er es mag in Westbank zu leben und er bejaht mir großer Überzeugung. Als Argument dreht er den Motor gleich noch etwas höher, „Wir haben hier viel Freiheit, mit dem Auto kann ich so schnell fahren wie ich will.“ Es macht ihm sichtlich Freude mir seine Stadt zu erklären und es ist ihm besonders wichtig, dass ich Vertrauen fasse. „Schau, die alleinreisenden Frauen auf dem Gehweg. Es gibt viel über Betlehem zu berichten, aber es ist keine gefährliche Stadt!“. Reiseveranstalter stellen das Bild von Westbank gerne anders dar, um für ihre Gruppentouren zu werben. Die Stadt lebt heute überwiegend vom religiösen Tourismus, der seine Spuren in den zahllosen Hotelneubauten hinterlassen hat. Und Peter wird nicht müde, mir die wohlklingenden Namen der Hotelketten aufzuzählen: Hyatt, InterContinental und wie sie alle heißen.

Dann erreichen wir das Wohnhaus, hinter dem Tor warten zwei imposante Löwenskulpturen auf den Besucher. Über eine geschwungene Aussentreppe gelangen wir in die Räume, die Peter bewohnt. Das Haus ist riesig und ich bekomme ein eigenes großes Zimmer mit Doppelbett. Später erfahre ich dass der Künstler mit einer kolumbianischen Frau verheiratet ist, die mit den Kindern in den USA lebt.

Simon und das Kulturerbe

Später besuchen wir dann noch Simon, der in einer Wohnung von Peter wohnt. Die Wohnung befindet sich in einem alten Steingewölbe mitten in der denkmalgeschützten Altstadt. Auch wenn Simon erst kurz im Zentrum für Kulturdenkmalschutz seinen Freiwiligendienst angetreten hat, so weiß der Politikwissenschaftler aus Frankreich allerhand zu erzählen und dank einer Flasche Rotwein wird es ein langer, gesprächiger Abend. Betlehem wurde 1981 auf die Liste der bedrohten Kulturdenkmäler der UNESCO gesetzt, als zweite Stätte im Westjordanland nach Jerusalem.

Als Geburtsort Jesu geniesst Betlehem natürlich einen besonderen Schutz. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie die Stadt früher ausgesehen hat: auf dem höchsten Punkt des Hügels trohnte die Geburtskirche und rund herum grüne Hügel mit Oliven- und Weinterassen. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Betlehem ist außerhalb der Altstadt eine laute, von starkem Verkehr heimgesuchte Stadt. In alle Richtungen das gleiche Bild: die umliegenden Hügel bestehen aus einem Meer an gleichförmigen Häusern, die in der typischen arabischen Bauweise errichtet sind.

Die Behörde versucht die Bedeutung Betlehems und ihrer vielen historischen Stätten ins internationale Bewusstsein zu rücken. Keine leichte Aufgabe, schließlich hat das Westjordanland in den letzten Jahren am wenigsten mit Kultur Schlagzeilen gemacht. So merkt man dem jungen Simon an, dass seine Arbeit ihm vor allem psychisch viel abverlangt. Auf dem Tisch stapeln sich Aufsätze und Bücher über Kulturerbe, Palästina und den Nahostkonflikt. In kürzester Zeit versucht er sich einen Überblick über dieses komplexe Thema zu verschaffen um dann Vorschläge für einen Verbesserung der Situation zu machen. Wo soll das Geld für die Sanierung herkommen, die der marode palästinensische Staat nicht aus eigener Kraft aufbringen kann? Fortschritte sind nur mit langem Atem zu erzielen, schließlich funktioniert die Behörde nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und es gilt viele Player mit ins Boot zu holen. In jedem Fall ein mühsamer Prozess. Simon warnt mich: Vertraue hier nie der Meinung eines einzelnen, sondern bilde dir immer deine eigene Meinung. Jeder dreht die Fakten  so, wie sie in sein Konzept passen. Das klingt für mich sehr misstrauisch, aber ich nehme an, dass es auf seinen Erfahrungen beruht. Simon werde ich an meinem zweiten Abend noch einmal treffen: Wir gehen gemeinsam zu einem Vortrag in einem kleinen soziokulturellen Zentrum wo fast nur Ausländer ein- und ausgehen. Sie bilden ihre eigene Community und organisieren Events. Ein paar Einheimische sind auch da, ich spreche kurz mit einem Studenten aus der Stadt Hebron im Süden. Er kommt mit seinen Freunden öfter hier vorbei und schätzt den offenen Meinungsaustausch mit den Ausländern. Der Vortag ist von einem Wissenschaftler, der über die Ökonomie Palästinas spricht. Für mich wird das eine interessante Zusammenfassung der historischen und politischen Lage. Auf meiner weiteren Reise in Westbank habe ich in dem Dorf Jayous noch einmal NGO-Mitarbeiter getroffen und es war interessant über ihre Hintergründe (link) zu erfahren.

Monumentale Löwen und Friedenstäubchen fürs Regal

Am nächsten Morgen fahre ich mit Peter in seine Werkstatt, die sich in einer kleinen Siedlung wenige Kilometer außerhalb von Betlehem befindet. Es sind drei Brüder, die das Steinbildhauerhandwerk vom Vater gelernt haben. In mehreren Räumen stehen auf engstem Raum hunderte von fertigen und unfertigen Skulpturen. Das Rohmaterial, die riesigen Steinblöcke, lagern hinter dem Haus. Er zeigt mir eine handgroße Friedenstaube, ein Flügel muss noch mit Spezialwerkzeug abgetragen werden, die Konturen der Flügelform hat er mit einem Stift aufgezeichnet. In einem kleinen Raum zeigt mir Peter stolz seine Fotogalerie berühmter Personen, die bei ihm Skulpturen bestellen. Im Moment arbeitet er an einer monumentalen Skulptur für den Staat Kolumbien und demnächste werden seine Figuren den Krippenplatz in Betlehem schmücken. Er arbeitet auch mit Künstlern aus Israel zusammen und fährt regelmäßig nach Jerusalem, wo seine Kleinskulpturen in einer Galerie verkauft werden. Es wird deutlich, dass er als angesehener Künstler ein einfacheres Leben hat als der durchschnittliche Bewohner.

Nach dem Besuch der Werkstatt fährt mich Peter zurück zur Bushaltestelle, wo wir uns gestern trafen. Ich laufe hinauf zum Cinema Square, von wo es weitere 10 Minuten bis zum Manger Square, landläufig auch als Krippenplatz bezeichnet, sind. Die nach Papst Paul benannte Straße wird gerade einmal komplett umgepflügt. Später werden die Gassen noch enger und es tauchen exotische Ladenfenster und ganzjährige „Weihnachtsdekoration“ auf. Die Altstadt verfügt über eine eigentümliche Atmosphäre: die Bauwerke atmen christliche Geschichte, neben der Geburtskirche finden sich evangelisch-lutherische und syrisch-orthodoxe Kirchen. Gegenüber der Grabeskirche strahlt der Halbmond von der großen Umar-Moschee. Auf der anderen Seite verleihen die vielen Straßenhändler, die Obst und Gemüse, Krimskrams, Schuhe und vor allem süße Snacks feilbieten der Stadt ihr typisch arabisches Flair.

Auf dem Krippenplatz angekommen fällt mir gleich das tunnelförmige grüne Gerüst auf mit circa zehn Männern, um es noch weiter in die Höhe zu verlängern. Mitte November ist höchste Zeit, den Weihnachtsbaum zu errichten. Sobald das Gerüst steht, werden grüne Zweige „aus allen Herren-Ländern“ herbeigebracht, um den Baum in großer Pracht erstrahlen zu lassen.

Die Geburtskirche in den letzten Jahren zu einem traurigen, neuen Ruhm gekommen: In der Vorweihnachtszeit wird die Kirche von Mönchen verschiedener Glaubensrichtungen gründlich geputzt. Jede Glaubenspartei kontrolliert einen Abschnitt. Doch jedes Jahr endet die Aktion mit Streitigkeiten, bei denen Menschen mit Besenstielen aufeinander einschlagen bis die palästinensische Polizei einschreitet.

Vor der Geburtskirche treffe ich einen Führer, der mir zeigt, wie ich ohne anstehen, in das Kirchenschiff komme. Er war erst neulich in Berlin und hat dort ein Theater in Moabit besucht, das von Palästinensern geführt wird.

Im Inneren der Kirche gehe ich zum vorderen Kirchenschiff, dort drängeln sich viele Menschen um die Stufen, die in die Geburtsgrotte hinunterführen. Ein Stern markiert den Ort, an dem Jesus geboren sein soll. Frauengruppen aus Osteuropa oder Russland – die Gruppenzugehörigkeit wird an den bunten Kopftüchern deutlich – drängeln sich um den Eingang zum mystischen Ort. Und sie tauchen sichtlich gerührt auf der anderen Seite der Grotte wieder auf.

Ein Besuch am Kontrollpunkt

Bald habe ich die Sehenswürdigkeiten in der Altstadt abgehackt und besuche noch einige der Kulturzentren der Stadt. Ich habe gehofft etwas über palästinensische, moderne Kunst zu erfahren, werde in dieser Hinsicht in Betlehem aber eher enttäuscht, dafür ist Ramallah und Jenin die deutlich bessere Adresse. Die erste Anlaufstelle für Touristen ist das Peace Center auf dem Manger Square neben der Geburtskirche, das aber keine tiefergehenden Informationen vermittelt. Schüler sind hier zum Dienst eingeteilt, die mir nicht weiter helfen können, die finanzielle Situation der Stadt erlaubt wahrscheinlich kein qualifiziertes Personal.

So mache ich mich noch auf zu einem weiteren Kulturzentrum, dem Palestinian Heritage Center. Auch wenn das „Museum“ selbst enttäuschend ist, da es nur aus einem riesigen Sammelsurium an handbestickten Kleidern besteht, so sehe ich auf dem 5 Kilometer langen Fußweg noch eine andere Seite von Betlehem. Über die sich um den Stadthügel windende Manger Street habe ich eine gute Aussicht auf die Siedlungen rund herum. Hier wird deutlich, wie stark sich Betlehem ausgebreitet hat, besonders nach dem arabisch-israelischen Krieg 1948 strömten zahlreiche Flüchtlinge aus Israel in die Stadt, um in den Flüchtlingslagern eine Wohnstätte zu finden. Die Häuser sind hier in einem einfachen Stil errichtet, viele haben nicht mal ein Dach und ein Sturm würde die Siedlung wie ein Kartenhaus umwerfen.

Am Ende der Straße stehe ich dann unversehens vor dem Kontrollpunkt Betlehem, der von einer 8 Meter hohen Mauer markiert wird. Im Vergleich dazu war die Berliner Mauer nur halb so hoch, nämlich 4 Meter. Heute ist sie eine Riesenleinwand für Grafitikünstler und Aktivisten. So friedlich wie in Betlehem geht es aber nicht überall zu, denn gerade entlang der Mauer kommt es immer wieder zu Ausschreitungen und 2011 kamen 20 Menschen bei einer Antimauer-Demo ums Leben.

Gespräch mit Peter über Religion

Es ist schon ein wenig besonders, in Palästina ausgerechnet einen christlichen Host zu haben. Mein geringes Interesse an den heiligen Orten in seiner Stadt fiel Peter schon bei der ersten Begegnung auf. Er hat ein handfestes Wissen seiner Religion und in seinem Beruf muss er die christliche Ikonographie kennen. Am Abend vor meiner Abreise reden wir unter anderem über Religion. In unserem Gespräch fällt mir auf, wie wenig ich über „meine“ Religion weiß. Auf Reisen bin ich immer wieder in neue Wissensgebiete vorgestossen, man stellt aber auch fest, wie wenig man im Grunde weiß. In Israel ging es mir besonders so: Die Reise stellt einen ersten Grundstein dar und schärft die Aufmerksamkeit für ein Land. Anschließend gibt es noch so unendlich viel mehr darüber zu erfahren…!

Praktische Reisetipps

Anreise von Jerusalem: In Jerusalem habe ich den Bus Linie 21 von Damaskus Tor genommen und bin ohne Kontrolle nach Betlehem gefahren. Andere Linien passieren den Kontrollpunkt und man muss aussteigen und den Pass vorzeigen, was die Fahrt in die Länge zieht.

Übernachtung: Ich habe es nicht bereut in Betlehem zu übernachten, denn so bekommt man ein Gefühl für die Stadt und es ist toll abends durch die Gasssen der beleuchteten Altstadt zu schlendern. Neben Couchsurfing gibt es noch eine weitere Alternative für Privatunterkünfte. Wie die FAZ in einem Artikel schreibt, vermittelt in Beit Sahour und in Beit Jala die „Alternative Tourism Group“ Unterkünfte bei Familien. Das ist sicherlich ein unterstützenswertes Projekt, da so das Geld direkt bei der Bevölkerung ankommt

Kulinarische Highlights: Ich habe in Strassenimbissen mich mit Falafel und arabischem Gebäck versorgt. Eine Alternative sind die vielen Obst- und Gemüsehändler rund um den Cinema Square besucht. Was mir immer wieder auffiel war, dass entgegen meiner Erfahrungen aus anderen arabischen Ländern in Westbank nicht ganz so hart gefeilscht wird. Das sollte man dann als Tourist auch nicht tun! Nicht verpassen: Knafeh, die leckerste Süßspeise der Welt!

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