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Kunst und Gewalt: Das freedom theatre in Jenin

Jenin ist eine Stadt im Norden von Westbank und auch ein Flüchtlingslager, das seit 1953 Palästinenser aufnimmt, die aus ihren Gebieten vertrieben wurden. Sie hat traurige Berühmtheit erlangt: Als Hochburg palästinensischer Untergrundorganisationen gab es besonders viele Selbstmordattentäter. 42 % der Lagerbewohner sind unter fünfzehn Jahre alt, zumeist Nachkommen von Flüchtlingen des Krieges von 1948.

Juliano Mer Khamis war einer der inspirierendsten Künstler, ein furchtloser Aktivist im Befreiungskampf der Palästinenser gegen die israelische Okkupation. Juliano war Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Er gründete das freedom theater und bildete Jugendliche zu Schauspielern aus. Er stellte junge Frauen auf die Bühne, dafür wurde er von Teilen der Palästinenser als Frauenrechtler verehrt, von den Konservativen gehasst. Er war überzeugt davon, dass man nicht gegen die Okkupation kämpfen kann wenn man sich nicht für die Rechte der Frauen einsetzt. Er war mehr als ein Theaterpädagoge, er versuchte tiefste Wunden von Kindern zu heilen, die Opfer des Krieges geworden waren. 2011 wurde er vor seinem Theater erschossen. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt.

Ich hörte vom freedom theater im Vorfeld meiner Reise nach Israel. Dass ich es tatsächlich dorthin schaffte, war schon ein kleines Abenteuer. Ich besuchte vorher Ramallah und Nablus. Was ich dort erfuhr und erlebte war intensiv und nahm mehr Zeit in Anspruch als geplant. Von Nablus nahm ich den Bus und wollte dem freedom theater einen kurzen Besuch abstatten. Am selben Tag wollte ich über den nördlichen Grenzübergang Nazareth in Israel erreichen. Jedoch erfuhr ich bei meiner Ankunft in Jenin, dass der Grenzübergang nur zu bestimmten Zeiten offen ist, was meine Zeit in Jenin auf nur 2 Stunden beschränkte. Das Flüchtlingslager liegt einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Ich eilte die staubige Straße entlang und fragte im Flüchtlingslager mehrere Leute auf der Straße nach dem Theater. Hinweisschilder gibt es nur direkt vor dem Theater, das unscheinbar in einer Seitenstraße liegt. Vor dem Theater stoße ich an diesem Freitag auf Menschen, die sich in intensiver Vorbereitung auf eine Premiere befanden und die sich dennoch kurz mit mir unterhalten. Ich bemerkte sofort ein Misstrauen, das ich in andere Orten in Westbank nicht spürte. Der künstlerische Leiter ist anwesend und sagt dass er nur noch mit Leuten über das Theater spricht, die er länger kennt. Es wurde zuviel falsches geschrieben in den letzten Jahren. Marian, eine Theaterdesignerin aus England, die letzte Vorbereitungen für das Bühnenbild vornimmt, erzählt mir kurz wer sie ist und was sie macht. Dann komme ich mit einem Palästinenser ins Gespräch, der in Hamburg lebt. Er ist Journalist und langjähriger Unterstützer des Theaters. Es bleibt der Eindruck dass die Leute, die zum Theater gehören sich abschotten und keine Lust auf die Fragen von Fremden haben. Es steckt viel Verletztheit an diesem Ort. Ich wurde eingeladen zur Premiere wieder zu kommen, dies war allerdings aufgrund meines geplanten Rückflugs nach Deutschland nicht möglich.

Als ich wieder daheim war, half mir als Einstieg in das Thema der Film von Juliano Mer Khamis über seine Mutter mit dem Titel „Arna’s children“ von 2004, der viele berührende Szenen hat und den man in voller Länge bei Youtube anschauen kann. Die Mutter des Gründers des freedom theaters war Jüdin und mit einem Palästinenser verheiratet und leistete in Jenin viele Jahre lang eine großartige Arbeit, in dem sie mit Kindern und Jugendlichen des Flüchtlingslagers übers Theaterspielen Kontakt aufnahm und ihnen eine Zuflucht bot. Am beeindruckendsten finde ich die Szenen wenn Arna versucht die Wut der Jugendlichen zu provozieren und ihnen im Spiel ein Ventil gibt. Anfang 2000 wurden mehrmals Häuser im Lager bombardiert und die Kinder in dem Film sind völlig verstört. Diese Arbeit setzte ihr Sohn fort, in dem er Jugendliche zu Schauspielern ausbildete und 30 Produktionen auf die Beine stellte.

Ein halbes Jahre nach meiner Reise, im April 2014 besuchte ich eine Veranstaltung in der Schaubühne Berlin, in der die Dokumentation „Art Violence“ von 2013 gezeigt wurde, die die Jahre im Freedom Theater nach der Ermordung seines Gründers zeigen. Der Film stellt genauso wie Juliano die Frauen in den Mittelpunkt. Es ist ein Film über Kunst an einem unwirklichen Ort. Die Diskussion zwischen Thomas Ostermeier und Udi Aloni, einem der Regisseure des Films, zeigte auf, warum das freedom theater so wichtige Arbeit leistet. Das Ziel von Juliano war es, künstlerisch hochwertiges Theater zu zeigen, an einem Ort, an dem sonst nur der tägliche Überlebenskampf stattfindet. Kultur und Identität sind zerstört. Der Regisseur sagt: Es ist dunkel. Juliano brachte die Kunst an diesen Ort zurück.

Die Jugendlichen haben nach Julianos Tod weitergemacht. Seine Vorbildfunktion ist heute noch spürbar und in Gedenken an ihn erarbeiten sie neue Stücke. Am beeindruckendsten gelingt dies in „Warten auf Godot“, das nur wenige Wochen nach Julianos Tod entsteht. „Warten auf Godot“ bringt die Sinnlosigkeit der Existenz rüber. Die Hoffnungslosigkeit, die nach der Ermordung da ist. Es ist naheliegend zu denken, dass mit seinem Tod auch die Kunst eine Niederlage erlitten hat. Der Film zeigt aber grandios, wie viel Energie in den Menschen steckt, die mit Leidenschaft weitermachen, so dass der Prozess der Heilung fortgesetzt wird.

Udi Aloni sagt: „Wenn ein Mensch wie Juliano wegen seiner Kunst getötet wurde, dann bedeutet das, das Kunst etwas für die Welt bedeutet.“ Gewalt und Kunst ist ein weites Feld.

Es ist viel zu platt zu denken, dass man durch Kunst bzw Theater Gewalt verhindern kann. Der Film „Arna’s children“ folgt der Lebensspur von 5 Jungen und sie enden entweder als Selbstmordattentäter oder bewaffnete Kämpfer der al-Aqsa Terrorvereinigung.
Dadurch dass sich so viele Jugendliche in Jenin in die Luft gesprengt haben, war es möglich Geld für Projekte wie das freedom theater einzuwerben.

Was ist also das Ziel des freedom theater?, war eine Frage einer jungen Frau im Publikum der Schaubühne. Rechtfertigt die Unterdrückung Gewalt? Gewalt ist auch der Kunst innewohnend. So enthalten viele Kunstwerke explizit Gewaltdarstellungen.
Im jüngeren Film „Art Violence“ sieht man die Arbeit der Jugendlichen nach Julianos Tod.  In ihrer Version von Alice im Wunderland hat das Mädchen die Wahl. „Wohin gehst du?“ wird sie gefragt.

Mit ganzem Einsatz widmen sie sich ihrem Ziel: Aus der Wut der Unterdrückten und Schwachen wird an diesem Ort erstklassige Kunst.

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Kunst im Sinne von Sprache, Kultur und Glaube. Das Logo des freedom theaters zeigt eine Maske, Symbol des Theaters seit der Antike. Einbezogen sind die Farben der palästinensischen Flagge und typische Muster islamischer Kunst.


Das Flüchtlingslager von Jenin liegt im Norden des von Israel besetzten Westjordanlands. Mitten in diesem Gebiet befindet sich das von dem Friedensaktivisten Juliano Mer-Khamis gegründete „Freedom Theatre“. Im April 2011 wurde Mer-Khamis, Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, direkt vor seinem Theater ermordet. Dieses Verbrechen ist bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt worden. Der Film Art / Violence dokumentiert die Zeit nach der Ermordung des Gründers in einer Kollage aus den drei Theaterprojekten „Alice im Wunderland“, „Warten auf Godot“ und „Antigone“.

Reiseinformationen:

Anreise nach Jenin aus Israel ist am einfachsten von Afula. Von Afula zum Grenzübergang mit dem Sammeltaxi. Der Grenzübergang muss zu Fuß passiert werden. Hinter der Grenze ein weiteres Sammeltaxi nach Jenin. Die Fahrt dauert circa 15 Minuten.

In Jenin gibt es das Cinema Guest House, welches direkt beim Cinema Jenin liegt. Das Cinema Jenin ist ein weiteres interessantes Kulturprojekt, das Film-Festivals organisiert. Der Betreiber des Guesthouse Ayman Nasri  gibt gerne Auskünfte zur Kulturszene vor Ort.

Links:

http://www.thefreedomtheatre.org/

Bildquellen:

Beitragsfoto: Laura Rost

Foto 1: Logo des Freedom Theater

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