Artikel
1 Kommentar

Sultansweg in Österreich

Blick vom Braunsberg auf einen Teil des Sultansweges

Gerhard Kowař hat sich im Jahr 2012 und 2013 intensiv mit der Geschichte des Sultanswegs in Österreich beschäftigt und hat den folgenden Gastartikel zu seinen Forschungen und der Begehung des Weges verfasst. Er ist außerdem Redakteur des deutschen Wanderführers zum Sultans Trail in der Türkei. Wer den Weg laufen will, sollte unbedingt Kontakt zu ihm aufnehmen (siehe Ende des Artikels).

Historischer Hintergrund

Die Eroberung Wiens war das Ziel der osmanischen Truppen unter Suleyman dem Prächtigen im Jahre 1529. Nach einer knapp einmonatigen erfolglosen Belagerung zog sich das osmanische Heer wieder zurück. In weiterer Folge kam es zu einer Vielzahl von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich, welche 1683 in die Zweite Wiener Türkenbelagerung unter Kara Mustafa mündete. Sie waren Ausdruck des ab dem 16. Jahrhundert erstarkten Einflusses der Osmanen in Europa, der auch wirtschaftliche, kulturelle und geistesgeschichtliche Konsequenzen hatte. Manche Historiker sprechen deshalb auch für das 16. und 17. Jahrhundert von einem „osmanischen Europa“.

Nicht nur die sgn. Türkenkriege haben bis heute tiefe Erinnerungsspuren in Österreich hinterlassen. Der wirtschaftliche und kulturelle Austausch  zwischen der österreichischen Monarchie und dem Osmanischen Reich, war ebenfalls von großer historischer Bedeutung. Der Sultansweg folgt einer der alten Handels- und Verkehrsrouten zwischen Orient und Okzident. Damit wird der Trail zu einer für das europäische Kulturerbe besonders wichtigen kulturhistorischen Route.

Wien ist der Ausgangspunkt des Sultansweges. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, vor dem Start der Fernwanderung einige Tage in Wien zu verweilen, um bei der Erkundung der Stadt auch den vielen osmanischen bzw. türkischen Spuren zu folgen, die bis heute im Gedächtnis der Wiener verhaftet sind. Dabei geht es weniger um kulinarische Beiträge wie Kipferl und Kaffee, sondern auch um das türkische Element als Bestandteil historischer Bauten und des Geisteslebens der Stadt. Wien war immer von osmanischen/türkischen Einflüssen geprägt, bis in die unmittelbare Gegenwart hinein. Als Beispiele dafür können die Capistrani Kapelle der Wiener Stefanskirche, der Türkenschanzpark mit Kosakendenkmal und Türkischem Brunnen, oder der Zentralfriedhof mit seiner türkischen und islamischen Abteilung dienen. Ebenso findet sich etwa in der Nahversorgung der Stadt beredtes Zeugnis für die enge Verbindung zwischen der Türkei und Österreich. Hinzu kommt die demographische Komponente: 2012 wurden in der Wiener Wohnbevölkerung (1.7 Mio EinwohnerInnen) rund 75.000 Personen mit türkischem Migrationshintergrund gezählt.

Auch in anderen Teilen Ostösterreichs sind die Spuren des Osmanischen Reiches unübersehbar und wurden so zu wichtigen Bestandteilen des kollektiven Gedächtnisses. Herausragendes Beispiel dafür ist das Kugeldenkmal in Schwechat oder der sgn. „Purbacher Türke“, ein steinernes Abbild eines Türken auf dem Kamin eines Hauses, das zum Wahrzeichen von Purbach im Burgenland  wurde. Diesen Spuren soll auf dem Sultansweg nachgegangen werden.

Der Routenverlauf

Der Sultansweg beginnt im Wiener Außenbezirk Simmering und verläuft  Richtung Osten bzw. Südosten durch Teile der österreichischen Bundesländer Wien, Niederösterreich und Burgenland.

Von der U-Bahnstation Simmering in Wien führt der Trail über die Marktgemeinde Schwechat nach Rauchenwarth und Trautmannsdorf. Im Ort Trautmannsdorf teilt sich der Weg, man kann sich dort entscheiden, ob man den Sultansweg auf der Hauptroute oder auf der sgn. Purbachroute begehen will.

 Tagesetappen auf dem gemeinsamen Abschnitt:

 Etappe 1: Wien-Simmering – Wiener Zentralfriedhof – Schloss Neugebäude – Kaiser-Ebersdorf – Schwechat.

Etappe 2: Schwechat – Aichhof – Rauchenwarth – Wienerherberg – Trautmannsdorf/Leitha.

Die Hauptroute, manchmal auch als Klassischer Sultansweg bezeichnet, folgt im Wesentlichen den Flüssen Leitha und Donau. Beides sind ehemalige Grenzflüsse. Die Leitha war lange Zeit die Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Im Sprachgebrauch der österreichischen Doppelmonarchie ab 1867 wurde demnach zwischen Cisleithanien und Transleithanien unterschieden. Die Donau war im Römischen Reich lange Zeit der Grenzfluss zu den nördlich davon lebenden Germanen. Der archäologische Park Carnuntum legt hier Zeugnis für ein ehemaliges Römisches Grenzlager an der Donau ab.

Der Weg führt in drei Etappen durch die weiten landwirtschaftlichen Anbauflächen im südöstlichen Teil Niederösterreichs hinunter in das Donautal bei Carnuntum und zu einem beeindruckenden Naturschutzgebiet, dem rund 9,3 Hektar großen Nationalpark Donau-Auen. Ein Besuch des Besucherzentrums Stopfenreuth in unmittelbarer Nähe von Carnuntum lohnt für alle Naturfreunde. Danach verläuft der Weg nördlich und östlich der Hundsheimer Berge durch die Hainburger Pforte, dem Durchbruchstal der Donau zwischen den Alpen und den Kleinen Karpathen. Bei Wolfsthal erreicht der Weg die slowakische Grenze und führt über den Vorort Petrazalka in die slowakische Hauptstadt Bratislava.

Tagesetappen auf der Hauptroute:

Etappe 3A: Trautmannsdorf/Leitha  -  Sarasdorf – Wilfleinsdorf – Bruckneudorf -Bruck/Leitha.

Etappe 4A: Bruck/Leitha – Pachfurth – Gerhaus – Rohrau – Petronell-Carnuntum – Bad Deutsch-Altenburg.

Etappe 5A: Bad Deutsch-Altenburg – Hainburg/Donau – Wolfsthal – Grenze Österreich/Slowakei  – Bratislava (Petrzalka).

Die Purbacher Route: Die zweite Möglichkeit, den Sultansweg zu begehen, besteht darin, ab Trautmannsdorf der Purbachroute in den Süden zu folgen. Sie führt über das Leithagebirge hinunter in die Kleine Ungarische Tiefebene zum Neusiedlersee, einem Steppensee, der sowohl auf österreichischen als auch auf ungarischem Staatsgebiet liegt. Der Neusiedlersee ist der größte See Österreichs und wurde aufgrund seiner einzigartigen Flora und Fauna zum UNESCO Welterbe ernannt. 1992 wurden am Neusiedlersee zwei Nationalparks (NP) errichtet: der NP Neusiedler See – Seewinkel und der NP Fertö-Hansag. Am Ostufer des Neusiedler Sees liegt auch Purbach, das als Wahrzeichen den sgn. Purbacher Türken führt, ein Hinweis auf die osmanischen Spuren, die wir in diesem Ort finden. Nach Purbach erreichen wir die burgenländische Hauptstadt Eisenstadt. Von dort geht es südostwärts über den Römersteinbruch St. Margarethen zur Festspielstadt Mörbisch. Weiter südlich davon befindet sich schon die Grenze zu Ungarn, das wir bei Förterakos erreichen. Auf den letzten beiden Etappen durchqueren wir wieder österreichisches Staatsgebiet, um schließlich nach Köszeg in Ungarn zu gelangen. Damit verlässt der Sultansweg endgültig Österreich.

Tagesetappen auf der Purbacher Route:

Etappe 3B: Trautmannsdorf/Leitha – Sommerein – Breitenbrunn – Purbach.

Etappe 4B: Purbach – Donnerskirchen – St. Georgen am Leithagebirge – Eisenstadt.

Etappe 5B: Eisenstadt – Trausdorf/Wulka – St. Margarethen im Burgenland – Mörbisch am See -  Grenze Österreich /Ungarn – Förterakos.

Etappe 6B: Förterakos – Sopron – Horitschon – Markt St. Martin.

Etappe 7B: Markt St. Martin – Oberpullendorf – Mannersdorf/Rabnitz – Köszeg.

Organisatorische Hinweise

Der österreichische Sultansweg kann das ganze Jahr begangen werden, in schneereichen Jahren mag es aber insbesondere auf den weiten Ebenen in Niederösterreich und entlang des Leithagebirges oder der Hundsheimerberge zu unangenehmen Schneeverwehungen kommen, die das Passieren erschweren. Insgesamt ist der Weg aber auch für nichtalpine Wanderer gut begehbar, da der Wegverlauf nie über 1000 Höhenmetern liegt. Geprägt ist der Weg durch die vielen landwirtschaftlichen Anbauflächen Niederösterreichs, die Donau, den Neudiedlersee und  die Hügellandschaft des Mittelburgenlandes.

Der Weg ist nicht nur für Wanderer geeignet, auch Radfahrer kommen auf ihre Kosten. Aufgrund der vielen unbefestigten Feldwege wird ein stabiles Trekkingrad oder Mountainbike empfohlen. Insbesondere entlang der Donau und rund um den Neusiedlersee gibt es aufgrund der vielfältigen Fahrradwege in dieser Region ein ausgedehntes touristisches Angebot für Radfahrer (Reparaturwerkstätten, radwanderfreundliche Hotels).

Der Weg ist auf der Hauptroute gut mit Farbmarkierungen und Klebern markiert, auf der Purbachroute sind noch einige Markierungsarbeiten zu erledigen. Der Weg über das Leithagebirge ist unzureichend markiert, die Strecken von Mörbisch nach Sopron sowie nach Köszeg noch markierungsfrei. Es  empfiehlt sich aber auch auf der gut markierten Hauptroute die Mitnahme von Landkarten mit kleinem Maßstab, da man auf den vielfältigen Feldwegen leicht die Orientierung verlieren kann. Sie sind über den Online Versand von Freytag&Berndt oder den Kompass Verlag gut bestellbar.

Die oben angeführten (nicht offiziellen) Etappen überschreiten nie wesentlich eine Weglänge von 20 km, das entspricht bei durchschnittlicher Gehleistung etwa 5 Stunden Tagesmarsch. Allerdings sollte man für etwaige Besichtigungen zusätzliche Zeit einplanen. Die Etappen sind so angelegt, dass an Start und Ziel ausreichend Infrastruktur (Unterkunft, Einkaufsmöglichkeiten, Apotheken, Sehenswürdigkeiten) für den Wanderer/die Wanderin zur Verfügung stehen.

Beide Wegverläufe sind gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln (U-Bahn, Schnellbahnen und Busse) erreichbar, sodass der Einstieg oder Abbruch an vielen Etappenorten gut möglich ist. Ebenso ist die Übernachtung an großen Teilen des österreichischen Sultansweges kein großes Problem. Das Angebot reicht von Hotels über Gasthöfe bis hin zu Pensionen, privaten Zimmervermietungen und Campingplätzen. In der Sommersaison, zu Ostern und zu Pfingsten empfiehlt sich allerdings insbesondere für Gruppen eine rechtzeitige Reservierung der Unterkunft.

Für alle, die gerne ihr Zelt mitführen und wild übernachten möchten: Übernachten im Freien ist nur mit Erlaubnis des jeweiligen Grundbesitzers (Privateigentümer, Gemeinden, Bundesforste) erlaubt, Feuermachen ist grundsätzlich streng verboten.

Fazit

Der österreichische Teil des Sultansweges wurde 2010 erstmals begangen. 2013 wurde eine erneute Begehung durch den Autor durchgeführt, welche vorhandene Lücken geschlossen und zusätzliche Informationen über den gesamten Sultansweg in Österreich gesammelt hat. Sie werden 2014  zur Verfügung gestellt. Bilder über den österreichischen Teil des Sultansweges sind auf Panoramio zu sehen.

Kontakt

Für Fragen und Information steht ihnen der Autor des Artikels gerne zur Verfügung:

Gerhard Kowař, gerhard.kowar@gmail.com

Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Österreich Lizenz.

Share this: Twitter | Facebook | Delicious | Mr. Wong | LinkedIn

1 Kommentar

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.