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Tel Aviv II: 24 Stunden Kultur

Museum und Theaterbesuch gehören für mich zum Erleben einer neuen Stadt genauso dazu wie Märkte, Straßenkunst und natürlich das typische Essen! Hier schreibe ich was ich in vier Tagen Tel Aviv entdeckt habe.

Eine grüne Stadt aus der Hand von Städteplanern

Mein neues Zuhause liegt nahe dem Dizengoff Square. Da ich sehr oft an dem Platz das Sherrut (Sammeltaxi) nehme, beginne ich mich eines Abends für die Geschichte des Platzes zu interessieren. In einem Eckhaus des Platzes, erbaut im Bauhaus Stil, in dem sich heute das Cinema Hotel befindet, sind im Schaufenster Bilder des Platzes aus den Siebzigern ausgestellt. Meir Dizengoff war ein Geschäftsmann und Politiker, der den Plan einer neuen jüdischen Stadt 1906 in Angriff nahm, da die Lebensbedingungen in der Jaffa immer schlechter wurden. Sein Traum war eine grüne Stadt, wie er sie in England gesehen hatte. Dizengoff realisierte den Bau der Stadt mit Hilfe von bekannten Städteplanern aus Israel und lob sogar einen Wettbewerb aus. So wie der Dizengoff Square mit Springbrunnen und Gartenanlagen, so sollte die gesamte Stadt nach dem Vorbild englischer Gartenstädte gebaut werden. Aufgrund mehrerer großer Wellen der Zuwanderung,  vor allem in den 30er Jahren aus Europa, geriet die Städteplanung aber schnell außer Kontrolle. Im Vergleich zu Berlin ist Tel Aviv aber auch heute noch übersichtlich und zählt 400.000 Einwohner im engeren Stadtgebie. Die Metropolregion ist aber deutlich höher besiedelt und fast jeder, den man in Israel fragt kommt aus einem Ort zwischen 20 und 40 Minuten von Tel Aviv entfernt. Nun in Berlin würde man sich dann noch als Berliner bezeichnen.

Heute ist der Platz leider bei weitem nicht mehr so schön wie früher: um den Verkehr des Dizengoff Boulevards, einer der Hauptachsen der Stadt, zu beschleunigen, wurde der Platz auf ein hässliches Betonplateau über der Straße verlegt und die schönen Springbrunnen sind verschwunden.

Die weiße Stadt

Aus Deutschland geflüchtete, jüdische Architekten brachten in den 30er Jahren den Bauhaus-Stil nach Tel Aviv. Heute kann man die Weiße Stadt am Rotschild Boulevar „besichtigen“. Auf dem Weg zum Rotschild Boulevard komme ich durch die Sheinken Straße, die schicken Boutiquen könnten jedoch auch in Berlin oder München sein und die Preise sind ähnlich hoch.

Typisch für den Bauhaus Stil sind die abgrundeten Ecken zum Beispiel Balkone, horizontale Linien und der Verzicht auf Verzierungen jeder Art. Die Ideen der Bauhausschule fanden über deutsch-jüdische Architekten, die vor den Nazis flohen, ihren Weg nach Palästina. Leider sind heute viele Bauten renovierungsbedürftig und so finde ich entlang des Rotschild Boulvars nur wenige renoviere Bauten, die eines näheren Blicks würdig sind. Zu den besseren Beispielen sollen laut Lonely Planet das auf meinem täglichen Weg befindliche Cinema Hotel am Dizengoff Square zählen. Dort befindet sich auch das Bauhaus-Zentrum, das Führungen anbietet.

In den stillen Gassen des Jemenitischen Viertels

Auf der Suche nach den typischen Falafel- und Hummusständen zieht es mich auf den Karmel-Markt. Zunächst sind hier nur Händler mit Billigkleidung zu finden, im hinteren Teil dann endlich ein Falafel-Stand. Für ca. 1,50 Euro schmeckt der Snack akzeptabel, für gute Falafel sollte man aber in eine Bar oder ein Restaurant gehen. Die Gewürzstände und Trockenobst ist noch das interessanteste am Markt, ansonsten habe ich schon deutlich schönere Märkte gesehen. Das Leben in den Seitenstraßen fasziniert mich deutlich mehr. Hier entdecke ich die ersten Grafitis, die später noch viel größer im Florentiner Viertel zu finden sind.  Ich befinde mich im Jemenitischen Viertel, wo die Zeit stehengeblieben scheint: außer streunenden Katzen ist es hier ganz still, es handelt sich um niedrige Häuser, die teils verfallen sind und um üppig bewachsene kleine Gärten. Eine Oase der Ruhe inmitten der hektischen Stadt.

Auf dem Weg zurück in Zentrum entdecke ich an Wänden großflächige Grafitis. Wirklich erstaunen tut mich der Anblick nicht, denn Berlin ist die Stadt der Grafitis schlechthin. In Seitenstraßen des Florentinerviertels handelt es sich um baufällige Gebäude, bei einigen scheint es sich um Lagerhallen zu handeln, wo hin und wieder auch Leute rauskommen. Teils ist das Fotografieren nicht so leicht, da Leute bei der Arbeit gestört werden. Wie ich im Lonely Planet erfahre sind in Tel Aviv einige der Künstler durchaus anerkannt und dürfen sogar in Museen ihre Werke ausstellen, wie zum Beispiel Know Hope.

Das Tel Aviv Museum of Art

Am Ende des Tages besuche ich noch das Tel Aviv Museum of Art um mir Exemplare der noch jungen israelischen Kunstgeschichte anzusehen. Der spektakuläre Bau, ganz im weiß und mit scharfen Formen, die in ihrer futuristischen Gestaltung an Guggenheim erinnern, ist noch das interessanteste des Museums, ich werde später eine bessere Präsentation im Israel Museums in Jerusalem sehen.

Das Museum ist übersichtich gegliedert und beinhaltet  auf 3 Etagen mehrere Flügel: graphische Kunst (hier nicht nur jüdische Künstler sondern bespielsweise auch Schiele), Photographie, Positionen moderner jüdischer Kunst und einen sehr großen Saal, der die Entwicklung der israelischen Kunst von circa Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 60er Jahre nachzeichnet.

Die moderne Abteilung hat mir nicht so gut gefallen, da es keine Bezüge zum Land oder der Kultur gibt. Die Arbeiten der Künstler zeigen Spiele mit geometrischen Formen oder der Illusion.

Eine Videoarbeit mit Bezug zu Tel Aviv ist mir in Erinnerung geblieben: Wir sehen einen Gärtner bei der Olivenernte, der mit viel Liebe für seine Bäume sorgt. Für den Betrachter entsteht der Eindruck einer ländlichen Szene eventuell in einem Kibbutz. Dann geht die Kamera in die Volle und wir sehen dass der Gärtner auf einem Platz in Tel Aviv einen einsamen Baum, der in einem kleinen Trog  wächst versorgt. Vorstellungen vom Leben in Israel treffen hier auf die Wirklichkeit bzw. das Leben, das sich heute für junge Menschen in der Stadt abspielt hat nur noch wenig mit dem traditionellen Leben zu tun.

Sehr interessante aber sehr klein ist die Photographische Präsentation. Hier sehe ich eine Ausstellung eines Photographen, der seine Bilder während dem Krieg um Unabhängigkeit gemacht hat. Die Aufnahmen nehmen einen sehr Nahe mit ins Geschehen und zeigen den Kriegsalltag der Soldaten eindrucksvoll.

Am besten hat mir der Überblick über die Entwicklung der Kunst der ersten sechzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gefallen: von religiös anmutender Kunst, die teils noch flächig bzw. die an Wandteppiche erinnert, gestaltet ist, bis hin zu den modernen Strömungen des zwanzigsten Jahrhundert, wie Expressionismus, Kubismus und Surrealismus unterlagen israelische Künstler den gleichen Einflüssen wie alle europäischen Künstler.

Humusmahl im Florentiner Viertel

Von dem vielen Laufen des Tages gönne ich mir ein Taxi, welches im übrigen als Fortbewegungsmittel sehr erschwinglich ist, und fahre zum Florentiner Viertel. Dort angekommen knurrt mein Magen und ich laufe durch die Straßen auf der Suche nach günstigem Essen. Gerade die Preise für Lebensmittel sind in Israel höher als in Deutschland. Der junge Mann eines Veganen Restaurants unterhält sich gerne mit mir, da das Restaurant aber leer ist und er extra für mich die Küche anschmeisen müsste, esse ich dann lieber woanders.  Abends sei hier mehr los, meint er. Er beteuert mehrmals, das es bei ihm nur veganes gibt und fragt ob ich es schonmal probiert hätte. Ich kläre ihn aber auf dass mir veganes Essen durchaus vertraut ist. Berlin da würde er gerne mal hin, dort soll es so viele vegane Restaurants geben, in Tel Aviv haben erst eine handvoll aufgemacht, schätzt er. Es ist so wie mit vielen Dingen in Israel, wie mir später immer wieder klar werden wird: was bei uns schon längst etabliert ist, ist in Israel gerade am Start.

Ich entscheide mich dann in einer typischen Hummusbar mitten im Florentinerviertel zu essen, die von Einheimischen gut besucht ist. Der Kellner spricht Englisch und serviert mir ein typisches Hummusmahl: ein tiefer Teller mit Hummusbrei, einen Teller mit kalter Linsensuppe, die man mit dem Hummus mischt,  israelischer Salat aus kleingewürfelten Tomaten, Gurken und Avocado, und einen „Beilagenteller“ mit eingelegten Gurken und Pepperoni und einer geviertelten Zwiebel.

Für einen kurzen Stopp zwischen dem Besichtungsprogramm gibt es iin Tel Aviv die typischen Saftbars an jeder Straßenecke. Jedoch lohnt sich die Qualität zu beachten, für einen guten Mixsaft zahlt man dann gerne mal 5-6 Euro.

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