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Tel Aviv III: Junge Bewohner im Porträt

4 Tage habe ich im November 2013 in Tel Aviv verbracht und über Couchsurfing viele Bewohner der Metropole getroffen. Neben einem atemberaubenden Strandleben habe ich interessante Begegnungen und Einblicke in den Alltag gewonnen, die ich hier in Form von Geschichten und Porträts mit euch teilen möchte. Aber lest selbst meine Beobachtungen und Gedanken, die natürlich sehr subjektiv sind.

Eyal und Alma

Wie könnte ich die beiden vergessen? Eyal ist Mitte Dreißig und wohnt in einem geräumigen Appartement mit seinem kleinen Hund „Alma“. Seit 8 Jahren ist Alma seine treue Gefährtin, etwas verwundert hat mich die Tatsache, dass sie auch in seinem Bett schläft. Er arbeitet in der Marketingabteilung einer großen Firma. Er ist sehr froh den Job zu haben, auch wenn er lange Arbeitstage in Kauf nimmt. Ich staune aber doch darüber dass sein Appartment, das zugegeben in einer guten Gegend liegt, fast ¾ seines Gehalts verschluckt. Wenn er nicht zu müde ist, dann trifft er sich am Feierabend gerne noch für ein paar Stunden mit Freunden in einer Bar. Da ich mehrmals abends ausgegangen bin, finde ich ihn aber immer vor dem Fernseher schlafend vor. Früher hat er viel gemalt, die Wände in seiner Wohnung sind mit seinen oftmals surrealen, phantasievollen Bildern geschmückt. Insgesamt also ein typisches Arbeitsleben, irgendwie schleicht sich aber doch auch der Hauch von Perspektivlosigkeit ein. Hat er noch Träume, wo er mal hinwill? Vielleicht einen besseren Job oder eine Reise ins Ausland? Vor ein paar Jahren war er mal in Europa, hat auch Berlin und andere Städte besucht. Momentan reicht dafür aber das Geld nicht. Man rennt im Hamsterrad und hofft irgendwann nochmal woanders hin zu kommen.

Mit dem Taxifahrer, der mich vom Museum ins Florentiner Viertel fährt, habe ich auch eine interessante Unterhaltung über die Löhne. Seinen guten Job hat er vor ein paar Jahren verloren, da der Betrieb Leute entlassen musste, seitdem fährt er Taxi. Der Durchschnittslohn beträgt 4000 Scheckel, das sind circa 900 Euro. Zu wenig, wenn man sich die Mieten und Lebensmittelpreise anschaut.

Irgendwie ist die Situation in Berlin ja auch nicht so viel anders. Viele Leute arbeiten in Startups und können davon gerade die Miete und das wöchentliche Ausgehen finanzieren. Große Sprünge macht in meinem Umfeld keiner mit den hier gebotenen Jobs. Dennoch besteht eine gute Chance sich mit den Jahren zu verbessern; wie das in Israel ist, weiß ich nicht.

Tamir und der Traum des Ökodorfs

Bei einem meiner ausgedehnten Biketrips durch Tel Aviv treffe im Hafen Tamir. Er lädt mich zu der kurzen Radtour ein, später unterhalten wir uns noch in einer der renovierten Hallen in einer gemütlichen Bar. Das Viertel ist auch Nachts bei Clubgängern beliebt und an diesem Abend gibt es Livemusik. Tamir ist ein schöner junger Mann mit langen Haaren, sein Terminplan ist voll und nach ein paar Stunden verabschiedet er sich wegen der nächsten Verabredung, jedoch nicht bevor er mir eine feste Umarmung gibt. „Isralis mögen feste Umarmungen“ sagt er zur Erklärung, wobei es nicht nötig gewesen wäre, er gefällt mir schon. Er hat nichts studiert sondern ist Autodidakt und bezeichnet sich als Heiler. Gemeinsam mit Freunden aus Europa und Israel wollte er in den letzten Monaten ein alternatives Projekt realisieren, das am Unwillen der Regierung gescheitert ist. Ein Ökodorf in der Negev Wüste wollten sie gründen und dort ihren Traum vom Leben mit eigenen Ressourcen verwirklichen. Leider mochte die Regierung die Idee nicht und hat das Projekt vor kurzem gestoppt, eventuell weil die Angst besteht, dass in solchen Projekten Drogen im Spiel sind. Nun leben einige Mitstreiter im Hotel, Tamir ist bei seiner Mutter in Tel Aviv untergekommen und plant von hier aus sein Leben. Wobei Planung vielleicht nicht das richtige Wort ist. Aus Mangel an Alternativen arbeitet er im Moment als Helfer am Set bei einer Filmproduktionsfirma, sicher nicht das was er sich vorgestellt hat. In Israel ist es nicht leicht seine Träume zu verwirklichen, das wird mir hier schon klar, jedoch wo ist das?

Vom Alltag in der Metropole

Am letzten Abend treffe ich Traveller, Expats und ein paar Einheimische in einer Bar, es wird ein langer Abend. Meine Gesprächspartner haben alle gute Jobs oder studieren noch und leben sehr gerne in der Stadt. Sie bestätigen mein Urteil, das nach 4 Tagen sicherlich nicht besonders gründlich ausfällt: Tel Aviv ist eine lebenswerte Stadt mit tollen Freizeitmöglichkeiten nicht nur durch das Strandleben. Tel Aviv ist nicht respräsentativ für Israel, das wird mir auf meiner Reise noch bewusster werden. So wie Berlin nicht Deutschland ist. In solchen Städten leben andere Menschen als im Rest des Landes, es sind die anspruchsvollen Selbstverwirklicher und Kreativen, die von solchen Städten angezogen werden, machmal auch einfach Leute, die nicht wissen, was sie im Moment machen sollen und übergangsweise hier unterkommen. Dennoch spüre ich schon in Tel Aviv, dass das Leben erschwert ist: die Löhne fallen eher im Ausnahmefall so aus, dass man sich auch mal ein wenig Luxus oder einen Urlaub außerhalb von Israel leisten kann. Dafür ist das Leben einfach zu teuer. Entweder man wohnt wieder bzw. noch bei den Eltern oder teilt sich eine Wohnung. Wer gut verdient, arbeitet sehr viel oder hat Glück gehabt – es ist aber nicht die Regel so wie es in Deutschland der Fall ist. Vor allem im Supermarkt sind die Preise teils erschreckend hoch, besonders wenn man auch mal auf kleinere Supermärkte nach dem normalen Ladenschluss zurückgreifen muss. Einwohner erklären mir, dass die Regierung versucht, den Import von billigen Lebensmitteln zu verhindern. Israelis können von Discountern, die es bei uns in jedem Dorf gibt nur träumen…

Beitragsbild: Oscar Medina Duarte

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