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Vorbereitung auf einen Fernwanderweg: Mentale Einstellung

mentale einstellung

Aus dem Leistungssport kennen wir die Tatsache, dass diejenigen Sportler erfolgreich sind, die sich auf einen Wettkampf auch mental am besten einstellen können und die Nerven behalten. Nun ist Wandern ja kein Leistungssport, aber Weitwanderungen über mehrere Wochen verlangen eine hohe körperliche Leistungsbereitschaft und man muss öfter an seine körperlichen und geistigen Grenzen gehen. Was braucht man eigentlich für eine geistige Einstellung als Weitwanderer, neben der körperlichen Fitness, um eine mehrwöchige Wanderung zu meistern?

Die mentale Frage beim Wandern beschäftigt mich schon länger und nun bin ich bei meiner Recherche im Word Wide Web auf eine Frau gestoßen, die es wissen muss: Christine ist Autorin eines englischsprachigen Blogs (http://christine-on-big-trip.blogspot.de/) und hat in den letzten Jahrzehnten 28.000 km zu Fuß zurückgelegt auf den anspruchsvollsten Trails der Welt wie dem Appalachian Trail in den USA, außerdem ist sie einmal quer durch Deutschland und West-Europa gelaufen. Auf ihrem Blog hat sie einen langen Artikel dem Thema „Mentality“ (im Deutschen wohl am besten mit geistiger Einstellung wiederzugeben) gewidmet, den ich jetzt natürlich nicht in Einzelheiten zitieren möchte, da er für jedermann zugänglich ist (http://christine-on-big-trip.blogspot.de/p/mentality.html). Ich erlaube mir aber eine kurze Zusammenfassung ihrer wichtigsten Erkenntnisse zu geben und auch noch ein paar eigene Erfahrungen zu äußern.

Drei Faktoren sind ausschlaggebend um ans Ziel zu kommen

Erst einmal muss man sich auf ein Ziel festlegen, sonst kann man es nicht erreichen, in diesem Fall also: einen Weg zu Ende zu gehen, egal was kommt. Laut Christines Erfahrung gibt es nur sehr wenige Gründe, die einen von seinem Vorhaben abbringen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass während einer Weitwanderung Unfälle passieren oder man aus familiären Gründen nach Hause zurück muss sind jedoch extrem gering. Ich denke man muss sich darauf einstellen, dass man keinen äußeren Grund hat, auszusteigen und man in der Regel gegen seinen inneren Schweinehund kämpft.
Der zweite wichtige Faktor ist die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen. Denn, laut Christine, ist nicht die Frage WANN eine solche herausfordernde Situation den Weitwanderer ereilt sondern nur WIE OFT. Ein mehrwöchiger Wandertrip wimmelt nur so von Situationen, die uns herausfordern, Ruhe zu bewahren, sei es dass man sich verläuft und nicht die gewünschte Unterkunft bekommt oder mit der Witterung umgehen muss.
Und drittens benötigt der erfolgreiche Weitwanderer, eine echte Liebe zur Natur, und zwar auch zu den negativen Seiten des In-der-Natur-Seins wie Hitze oder ein nasser Schlafplatz.

Der „Thruhiker“ durchwandert schwierige Situationen und zieht daraus am Ende die höchste Zufriedenheit

Den Weitwanderer, der sich von alle dem nicht abschrecken lässt und unbeirrt sein Ziel verfolgt, nennt Christine Thruhiker, auf Deutsch „Durchwanderer“: er durchwandert auch schwierige Momente, er muss nicht daran denken aufzugeben, da ihn die Erfahrung gelehrt hat, dass Situationen sich ständig verändern und nach einem ungünstig verlaufenen Tag garantiert auch wieder bessere Tage warten. Schwierige Situationen gehören für ihn nicht nur dazu, sondern das meistern derjenigen geben ihm am Ende sogar das Gefühl der höchsten Zufriedenheit.

Mein größtes Problem beim Weitwandern ist der Umgang mit ungünstigen Bedingungen

Von der Mentalität eines Thruhikers bin ich derzeit noch ein Stück entfernt. Denn auch wenn ich ein recht willenstarker Mensch bin, der nicht so schnell aufgibt und sich auch durch harte Etappen durchkämpfen kann, so habe ich doch festgestellt, dass gerade das Wandern etwas zu Tage befördert, das mir auch im Alltag begegnet: eine leichte Frustration. Eine Situation, die bestimmt jeder kennt, ist der aufkommende Hunger gegen Ende einer Etappe und das Problem ihn nicht sofort stillen zu können, da man nichts oder nicht das Passende zu Essen findet. In unserem Alltag sind wir leider sehr verwöhnt und es reichen oft ein paar Schritte zum Kühlschrank, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Eigentlich finde ich das auf einer Wanderung ganz angenehm, dass nicht alles selbstverständlich erreichbar ist, man seine Gefühle wie Hunger wieder deutlich wahrnimmt und man sich auch wieder über kleine Dinge wie eine einfache Brotzeit am Ende des Tages freuen kann. Bei längeren Wanderungen habe ich daher das Gefühl dass meine Willenskraft trainiert wird und ich mich auch an ungewohnte Situationen mit der Zeit immer besser anpassen kann. Am Ende einer mehrwöchigen Tour verfüge ich über eine größere Anpassung als vorher und gehe gestärkt in den Alltag zurück.

Der Stolz so viele Kilometer zurückgelegt zu haben, die tollen Erlebnisse und die gemachten Fotos, entschädigen doch wirklich für all die Strapazen, oder?


Habt ihr Erfahrungen mit der mentalen Einstellung bei euren Wanderungen gemacht? Oder hat euch das Weitwandern vielleicht sogar stärker gemacht als zuvor? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.

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1 Kommentar

  1. Hallo Laura, ich bin die Verfasserin des o.g. Blogs und freue mich sehr, dass Du unter den vielen Posts auf meinem Blog den Beitrag zur “Mentality” ausgewählt hast. In Diskussionen um Langstreckenwandern geht es leider in der Regeln nämlich immer nur um Ausrüstung sowie Ernährung und vor allem um Fitnesstraining als Vorbereitung. Dabei ist die mentale Einstellung der wichtigste Faktor, wenn es um das Gelingen einer Langstreckenwanderung geht! Auf den amerikanischen Langstreckenwegen sagt man, dass das Erreichen des Ziels zu 80% an mentalen Faktoren und nur zu 20% an körperlichen liegt. In den öffentlichen Diskussionen um das Thema ist das Verhältnis nur leider umgekehrt.
    Vielen Dank für Deinen Artikel und weiterhin frohes Wandern,
    Christine

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